Saturday, July 26, 2014

Abgetaucht

Letzte Woche habe ich den neuen Marco Polo Reisekatalog fürs Jahr 2015 erhalten. Im Reiseangebot für Israel wird Tel Aviv als quicklebendige Stadt beschrieben. Das ist sie auch, während normalen Tagen, und dies ist das Land, das ich so sehr liebe, dieses Land mit seiner übersprudelnden Dynamik und Energie, seiner Fröhlichkeit und Spontaneität.

Flughafen Ben Gurion Juli 2014
Aber seit Wochen, seit dieser neue Schlagabtausch mit der Hamas im Gazastreifen begonnen hat, sind alle Menschen abgetaucht. Es sind Tage, an denen wir alle den Kopf hängen lassen, Tage der Depression, Tage eines nahezu komatösen Zustandes. Die Strassen sind wenig belebt, und wer herumgeht, schweigt. Es gibt keinen Lärm, kein Geschrei, die Ladenbesitzer sitzen untätig in ihren Geschäften herum und widmen sich vor allem den Nachrichten, schliessen früher als gewöhnlich. Es gibt viele Menschen, die Angst haben vor den Raketenangriffen und lieber zuhause bleiben. Unserer aller Gedanken weilen bei den Menschen im Süden, bei unseren Soldaten, bei den Menschen in unseren Dörfern und Städten, die seit Wochen von Raketen beschossen werden, Menschen, die 10-30 Sekunden Zeit haben, um einen Schutzraum aufzusuchen. Wer differenzierter mit dem Konflikt umgehen kann, und nicht nur das Recht auf Verteidigung auf der israelischen Seite sieht und die Schuld der Hamas auf der anderen Seite, kann auch mit den schutzlos ausgelieferten Menschen im Gazastreifen mitfühlen, den Hauptleidenden dieser Tragödie, hilflos unserer Armee und der verantwortungslosen Hamas ausgeliefert, die sich nicht um ihre eigene Zivilbevölkerung schert.

Ab und zu stelle ich den Fernseher an, sitze kopfschüttelnd davor und stelle nach wenigen Minuten wieder ab. Ich verstehe die Welt nicht, wenn die Waffen sprechen, und werde sie auch nie verstehen. Gleichzeitig entwickle ich einen neuen Wortschatz, den ich jeweils gleich wieder vergesse, wenn der Spuk vorbei ist: ballistische Raketen, das Raketenabwehrsystem Eisendom, diese wunderbare israelische Erfindung, die einen Grossteil der Raketen über unseren Städten abfängt. Panzer, Bunker, Tunnels, Angriffe der Luftwaffe, Einschläge, Mörser sind einige weitere Blüten dieses erneuerten Wortschatzes. Ich lerne neue Raketennamen kennen, und ich weiss sogar ihre Herkunft, z. Bsp. F-160, Reichweite von Gaza bis Haifa, 160 km, ein syrisches Produkt. Dieses Produkt löst in unserem ruhigen Dorf mehrere Male einen Luftalarm aus. Unser Haus liegt 100 m von der Sirene entfernt, der Lärm ist schrecklich, die Rakete schlägt in 15 km Entfernung auf offenem Gelände ein.

Luftalarm in Tel Aviv. Ich sitze mit einer Bekannten in einem Kafi, wir begeben uns ins nächste Gebäude, gleich nebenan, gemeinsam mit Bewohnern und Passanten. Die meisten begeben sich in den Luftschutzkeller, ich bleibe lieber im Treppenhaus sitzen, geschützt von 3 Wänden, wo ich mich belehren lasse, dass Raketenteile auf dem Boden landen und von da auf alle Seiten fliegen. Aus diesem Grund muss man sich irgendwo unterstellen, wo man von Mauern geschützt ist, oder sich flach auf den Boden legen, damit die Teile über den Körper hinweg fliegen. Nach zwei Minuten hören wir zweimal einen lauten Bumm über der Stadt, das Raketenabwehrsystem hat die Raketen in der Luft aufgefangen, und wir setzen uns wieder ins Kafi.

Wie können sich die Menschen in Gaza schützen? Gar nicht, nur "Ausgewählte", die Hamasbonzen, verschanzen sich in Bunkern.

Eingang in Luftschutzraum in Tel Aviv
Menschen reagieren sehr verschieden auf Bedrohungen. Eine Freundin von mir, Gärtnerin von Beruf, erzählt mir, dass eine ältere Kundin in Tel Aviv ihre Blumen nicht mehr giesst, weil sie Angst hat, sich draussen aufzuhalten. Ich besuche eine weitere Freundin, alleinerziehend mit 2 kleinen Kindern. Seit Wochen hat sie ihre Stadt nicht verlassen und schläft mit den Kindern im Luftschutzraum. Die Kinder finden das natürlich toll, sie jedoch tut sich schwer mit der grossen Verantwortung.

Mit unseren Kindern verabreden wir ein Picnic am Meer in Tel Aviv. Auch hier ist es viel viel ruhiger als gewöhnlich. Die Muslime aus Jaffa, die sonst die späten Nachmittagsstunden und Abende am Strand verbringen, feiern Ramadan, lange und heisse Fastentage, von Sonnenaufgang bis –untergang. Vielleicht fürchten sie sich auch vor den Hamasraketen,  die differenzieren nämlich nicht zwischen Juden und Arabern. Beim Luftalarm flüchte ich mit einem Teil der Familie zu einem Unterstand, der andere Teil der Familie guckt sich das Schauspiel an: zwei Raketen, die vom Eisendom abgeschossen werden. Ich finde das unklug.

Zynisch nenne ich mich arbeitslose Reiseleiterin. Alle Sommerreisen sind storniert, die Herbstsaison wird sehr schwach werden, obwohl bereits um einen Waffenstillstand gerungen wird. Eine ernüchternde Bilanz. Wirtschaftliche Konsequenzen sind ein weiterer Teil dieser ganzen Sinnlosigkeit.

Bald werden wir wieder auftauchen, in Israel und im Gazastreifen, wir werden die Wunden lecken, um die Toten trauern, und uns auf die nächste Runde vorbereiten. So wird uns das verkauft – es gibt keinen Ausweg, die andere Seite will nicht. Immer sind die anderen schuld, so einfach ist das.


Wenn Kriege immer unentschieden enden, so habe ich irgendwo gelesen, lehnt sich die Bevölkerung schlussendlich dagegen auf, weil sie den Sinn der Opfer nicht einsieht. Vielleicht sind wir jetzt endlich so weit?

Monday, July 7, 2014

Gesucht wird - Goethe's Hexenmeister

In der Schule haben wir nicht wenig Gedichte gelernt, die meisten habe ich vergessen, nur der Zauberlehrling von Goethe ist mir gegenwärtig. Der Hexenmeister ist ausgegangen und hat seinen Lehrling beauftragt, Wasser für ein Bad zu holen, vom Fluss. Der aber ist zu faul, will sich auch in der Kunst des Zaubern üben und befiehlt dem alten Besen in der Ecke, das Wasser an seiner Stelle zu holen.

Walle! walle
Manche Strecke,
Dass, zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
 Zu dem Bade sich ergieße.

Entführt und ermordet: Eyal, Gilad, Naftali, Mohammed.


Vor 3 Wochen wurden 3 jugendliche Israelis, Eyal, Gilad und Naftali, an einer Kreuzung des Siedlungsgebietes Gush Etzion im Westjordanland, westlich von Hebron, gekidnappt. Eine berührende Eigenschaft der israelischen Gesellschaft ist das Zusammengehörigkeitsgefühl in schweren Tagen. Eine ganze Nation hat diese jungen sympathischen Menschen umarmt, adoptiert, man hat gebetet und gehofft, dass man sie lebend wieder findet. In allen Medien, von Tel Aviv bis New York waren sie allgegenwärtig, auf den Bahnhöfen wurden Flyer verteilt, an der Klagemauer in Jerusalem wurde gebetet, auf dem Rabinplatz in Tel Aviv, dem traditionellen Ort der linken Demonstrationen, gab es eine Kundgebung. Das Ganze entwickelte sich zu einer überspannten Massenhysterie, derer man nicht entfliehen konnte oder auch nicht wollte.

Seht, er läuft zum Ufer nieder,
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.

Die meisten israelischen Politiker, die ganze Mitte-Rechts- bis sehr-Rechts-Regierung, sie alle haben keine Chance ausgelassen, diese traurige Angelegenheit politisch und militärisch auszuschlachten, von fragwürdigen Gesetzgebungen, die im Schnellverfahren in der Knesset verabschiedet wurden bis zu massiven Verhaftungen von Hamasmitgliedern im Westjordanland. Und aufs Feuer der nationalen Massenhysterie wurde immer neu Öl gegossen. Man zählte die Tage seit der Entführung, die antiarabischen Bemerkungen schlugen besonders hohe Wellen, die Hamas wurde ebenso beschuldigt (zu Recht, die Entführer sind Mitgleider einer Hamaszelle in Hebron) wie Mahmud Abbas die Verantwortung zur sicheren Heimkehr der drei Jugendlichen aufgebürdet.

Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll mit Wasser füllt!

Und dann kam die grosse Ernüchterung, die Leichen wurden gefunden, kurz nach der Entführung bereits erschossen. Eine Nation in Trauer, es sind ja unserer aller Kinder, Tränen, Kerzen, Gedenkfeiern, eine Bestattung mit drei Särgen, auf allen Fernsehsendern übertragen. Nur auf dem arabischen Fernsehkanal wurde die WM übertragen - Argentinien-Schweiz.

Aber auch - eine Nation in Wut, die zur Rache an den Palästinensern, zur Todesstrafe für Terroristen aufruft, Extremisten, die einen Rachefeldzug durch die Weststadt von Jerusalem auf der Suche nach Arabern machen, die dort in Restaurants arbeiten und von der Polizei beschützt werden müssen. Raketen aus Gaza, Vergeltungschläge unserer Luftwaffe, und dann wird ein arabischer Jugendlicher, Mohammed aus dem Ostjerusalemer Viertel Shoafat, tot in einem Wald in der Weststadt gefunden. Die Polizei ermittelt, aber nach wenigen Tagen ist so gut wie sicher, dass er von Juden verschleppt und ermordet wurde.

Stehe! stehe!
Denn wir haben
Deiner Gaben
Vollgemessen!

Und jetzt, nachdem der Besen immer mehr Wasser ins Haus gebracht hat, die Raketen im Süden immer noch einschlagen, arabische Jugendliche und die Polizei sich Strassenschlachten liefern in Jerusalem, die Spannung auch in den arabischen Siedlungsgebieten im Norden und im Zentrum des Landes spürbar ist, und Vermutungen über eine eventuelle dritte Intifada angestellt werden? Wie lautet der Befehl, den Besen wieder in die Ecke zu stellen?

Ach, ich merk es! Wehe, wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!

Eine verantwortliche Regierung hätte die Gemüter bereits in den ersten Anfängen beruhigen und die Stimmung nicht immer mehr aufheizen sollen. Der Kopf dieser Regierung, Ministerpräsident Netanyahu, ist eigentlich kein Zauberlehrling mehr, nach beinahe 10 Jahren im Amt sollte er ein ausgereifter Meister seines Faches sein, er hat jedoch kräftig mitgemischt und die Stimmung mitdirigiert.

Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist gross!
Die ich rief, die Geister,
werd ich nun nicht los.

Wer ist nun, in dieser neuen Version des israelisch-palästinensischen Dramas, der alte Meister, der den Besen wieder in die Ecke stellt? Ich weiss es nicht.

In die Ecke
Besen, Besen!
Seids gewesen,
denn als Geister
ruft euch nur zu seinem Zwecke

erst hervor der alte Meister

Thursday, June 5, 2014

Syrien im Blickfeld

Wir verbringen ein verlängertes Wochenende in Madj AlSchams, dem grössten der vier Drusendörfer auf den von Israel 1982 annektierten Golanhöhen. Wunderbar ist die geografische Lages des Dorfes zu Füssen des Hermongebirges. Wir haben uns bei einer Drusenfamilie eingemietet, geniessen die Aussicht auf die Berge und das breite Tal unterhalb des Dorfes, das von Apfel- und Kirschenplanatagen bewachsen ist. Eben fängt die Kirschenernte an, also eine geschäftige Zeit. Hoch oben über dem Dorf jedoch herrscht Ruhe, nur das Dauersummen des Verkehrs ist zu hören, und sporadische Gewehrsalven von der "anderen Seite". Der elektronische Zaun entlang der Waffenstillstandsslinie verläuft gleich hinter dem Dorf. Dann gibt es wenige Kilometer Niemandsland, und dann kommt Syrien.

Madj AlSchams hat mehr als 10,000 Einwohner und bildet das drusische Zentrum in den Golanhöhen; es ist eher eine Kleinstadt mit vielen Kleidergeschäften, Banken, Kranken- und Zahnarztkliniken, 2 Hotels und einer schönen Anzahl Restaurants. Wir schlendern durch das Dorf und kommen in den Genuss einer weiteren Fazette dieser  multikulturellen Region im östlichen Mittelmeerraum. Auf einem Verkehrskreisel des Dorfes findet, 4 Tage vor den Präsidentschaftswahlen in Syrien, eine fröhliche Wahlkampagnie für den amtierenden Präsidenten von Syrien, Baschar Assad statt, den Mann, der für die bisher 160,000 Toten des Bürgerkrieges und für die Millionen Vertriebenen und Flüchtlinge in Syrien verantwortlich ist. Fahrzeuge mit syrischen Flaggen und lauter Musik fahren durchs Dorf, auf der Verkehrsinsel mit Statue werden Fahnen geschwenkt, es wird ein Kreis gebildet und zur Musik getanzt. Es herrscht eine durchaus entspannte und fröhliche Stimmung, wie bei einem Volksfest. Trotzdem wage ich es nicht zu fotografieren.
Heimlich fotografiert - ein parkierendes
 Fahrzeug in Madj AlShams

Wir führen ein langes Gespräch mit einem jungen Dorfbewohner. Ein Teil seiner Familie lebt in Syrien, in einem Dorf in der Nähe von Daara, im Süden Syriens. "Es geht ihnen gut", sagt er am Anfang. Aber dann kommen weitere Details hinzu: "Sie haben viele Flüchtlinge aufgenommen. Die Strassen sind zerstört und die Versorgung ist nicht immer gewährleistet..... aber die Regierung hilft, wo sie kann." Und auch: "Alle Zeitungen lügen, Assad liebt sein Volk."

Die Drusen sind eine ethnisch-religiöse Minderheit, gebildet im 11. Jahrhundert, und seither vor allem vom Islam, von dem sie sich abgesondert haben, verfolgt. Überlebt  haben sie, weil sie an schwer zugänglichen Orten leben, und weil sie sich immer mit der jeweiligen Regierung gutstellen. Die 5-6 Millionen Drusen verteilen sich über Syrien, Libanon, die Türkei, Israel und Jordanien. In Israel leisten die drusischen Männer obligatorischen Militärdienst. Hier in den annektierten Golanhöhen, wo in der Vergangenheit ab und zu geheime Verhandlungen zwischen Israel und Syrien stattfanden, ist Loyalität eine schwierige Sache. Loyalität dem Staat Israel gegenüber, wenn die Golanhöhen morgen zurückgegeben werden? Oder doch lieber mit dem Mörder auf der anderen Seite des Grenzzauns, nicht zuletzt, um die eigene Familie im Dorf nebenan Daara zu schützen?

Unser Zimmervermieter distanziert sich vehement von Assad und seinen Befürwortern. "Denkt nur ja nicht, dass alle hier Assad unterstützen", sagt er uns. Er zitiert Platon und vergleicht diese Befürworter mit Eseln, die nicht denken können. Er erzählt uns von seinem Bruder, der in Syrien Medizin studierte und jetzt mit seiner Familie nach Deutschland geflüchtet ist. Die Familie verkauft Grundstücke im Dorf, damit der Arzt sich in Deutschland eine neue Existenz aufbauen kann. Unser Zimmervermieter erzählt uns das alles ohne die landesüblichen Emotionen, ohne jede Verbitterung. Man arrangiert sich eben mit den Gegebenheiten.
Eine Gruppe Drusen in traditionell-religiöser Kleidung

Irgendwann wird es wieder Diskussionen über eine Rückgabe der Golanhöhen geben. Bis es so weit ist, arbeiten die Drusen hier fleissig, produzieren herrliche Kirschen und Äpfel, man bildet sich (500 Mediziner und 100 Anwälte gebe es im Dorf), und die junge Generation hat sich sehr weit von der traditionellen Lebensweise entfernt. Junge Frauen in hautnahen Jeans und schulterfreien Shirts beherrschen das Strassenbild. Traditionelle Kopfbedeckungen gibt es nur noch bei der Grosselterngeneration. Hier bewegt sich eine kleine Welt, guckt aber auch immer wieder über die Grenze, besorgt, was wohl die Zukunft bringen wird.

Und im Geheimen sind die Menschen sicher dankbar, dass der Grenzzaun östlich des Dorfes verläuft und man so vom Bürgerkrieg verschont bleibt. Das jedoch spricht niemand aus. Und ich nenne auch lieber keine Namen, man weiss ja nie.

Thursday, May 22, 2014

Jaffa und das Hodgkin-Lymphom

Die hier folgende Geschichte erzählt etwas ganz Undramatisches, eine kleine Geschichte von Menschen, die zu verschiedenen Zeiten ans Ufer des östlichen Mittelmeeres gespült wurden.

Lest die Überschrift nochmals – Jaffa und das Hodkin-Lymphom. Was haben Jaffa, die 5000 Jahre alte Schwester von Tel Aviv und eine erstmals im Jahre 1832 vom englischen Arzt Dr. Thomas Hodgkin beschriebene und nach ihm benannte Krebserkrankung gemeinsam? Mark, ein alter Freund von mir und selber Arzt, hat mich darauf hingewiesen, dass dieser besagte Dr. Hodgkin (1798 – 1866) auf dem protestantischen Friedhof in Jaffa begraben ist. Diesen Friedhof haben wir kürzlich besucht.

Alte Friedhöfe sind herrliche Objekte für Führungen, man kann da wunderbar in alten Geschichten rühren, und sie erzählen auch die Geschichte des Totenkultes der jeweiligen Kulturen. Auf Korsika bauen die Lebenden ihren Toten richtiggehende Paläste. Im Wallis habe ich einen Dorffriedhof entdeckt, auf dem die hunderte von Gräbern zum grössten Teil die gleichen sechs Familiennamen tragen; die Inzucht lässt da ganz herzlich grüssen. In Berlin habe ich beim Besuch eines jüdischen Friedhofs das Familiengrab eines Arbeitskollegen entdeckt.

Der Eingang zur Tabithaschule 
Für den Besuch des protestantischen Friedhofs mussten wir uns bei der christlich-schottischen Tabithaschule anmelden; der kleine Friedhof liegt hinter der Schulhofmauer und ist nur über dessen Gelände zugänglich. Der Schlüssel wird nur zögernd ausgehändigt, aus Angst vor Vandalismus, dessen Anzeichen wir leider auch festgestellt haben. Nebst Mark und seiner Frau Carol war eine weitere Freundin mit dabei und da hat sich herausgestellt, dass sie selber aus der Hodgkin Familie stammt! Margret ist eine Engländerin, die vor vielen Jahren hier hängengebleiben ist. ("Hängenbleiben" umschreibt in der deutschensprachigen Gemeinde im Land den Einwanderungsgrund "Liebe", im Gegensatz zur jüdisch-zionistischen Einwanderung.) Das erklärt auch die christlich-protestantische Verwandtschaft von Margret und Dr. Hodgkin. Margret hat uns verschiedene Anektoten aus ihrer berühmten Familie erzählt, die, wie sich herausstellte, zwei Nobelpreise gewonnen hat und zwei bekannte Maler hervorgebracht hat. 
Margret am Grab ihres Vorfahrs
Dr.Thomas Hodgkin 

Aber wie in aller Welt kommt Dr. Thomas Hodgkin nach Jaffa, ein tiefreligiöser Londoner Quäker, Forscher und Pädagoge, laut verschiedenen Quellen ein komischer Kauz? Er begleitete den jüdischen Bankier und Philantrop Sir Moses Montefiore auf seinen Reisen ins Heilige Land als Leibarzt, erkrankte an Dysenterie (Ruhr) und starb hier, im Jahre 1866. Auf dem gleichen Friedhof ist auch die Gründerin der Tabithaschule, Jane Walker-Arnott, auch sie eine Engländerin, begraben.


Mein Freund Mark, in Afrika geboren und aufgewachsen, verweilte sehr lange, in Gedanken vertieft, am Grabe seines Kollegen.

Von links nach rechts: Mark, Carol, Regula und Margret.
Fotografien stammen von Chaim, der auch den
Anstoss zu diesem Blog gegeben hat.



Tuesday, April 22, 2014

Ihre Heiligkeit Jerusalem - Gedanken zu Pessach und Ostern in Jerusalem

Gebet am Schabbatmorgen 
Eine erste vorsommerliche Hitzewelle überrollt Jerusalem in der Karwoche 2014, gemessen werden Temperaturen von über 30°C. Die Altstadt, dieser religiöse Nabel der monotheistischen Welt, wird in dieser Woche jedoch von einer noch viel hitzigeren Welle überrollt, der Hitze des religiösen Wahns. In den engen Gassen des orientalischen Basars, im muslimischen, im christlichen und im jüdischen Viertel, drängen sich die Massen.

Die Juden eilen zur Klagemauer mit ihrem großen Vorplatz, um während der Pessachwoche den Priestersegen zu erhalten (Donnerstag), den Shabbat zu empfangen (Freitagabend) oder auch nur an diesem heiligsten Ort der Juden zu beten (Schabbat) – dort, wo die Zerstörung des Tempels beklagt wird.

Pilger aus Afrika auf dem Weg zur Grabeskirche
Christen aller Konfessionen und Nationen schieben und stoßen sich klagend den Kreuzweg entlang, mitten durch den orientalischen Basar – hin zur Grabeskirche. Sie drängen sich auf dem kleinen Vorplatz, jeder versucht sich durch den einzigen kleinen Ein- und Ausgang zu zwängen, der die Massen nicht mehr aufnehmen kann. Von Karfreitag bis Ostern wird dort drei geschlagene Tage der Kreuzigung, des Heiligen Feuers und der Auferstehung gedacht. Den ansäßigen arabischen Christen, den Pilgern aus Europa, Asien, Afrika und Amerika, bewaffnet mit Kreuzen, Kerzen und Klappstühlen, steht die Erschöpfung vom stundenlangen Anstehen und Vorwärtsdrängen ins Gesicht geschrieben. Überall liegt Müll, selbst im Innern der Kirche, diesem heiligsten Ort der Christenheit – Orthodoxe, Katholiken, Kopten und Armenier feiern in diesem Jahre alle gleichzeitig, dummerweise.

Unterwegs zu Heiligen Stätten
Am Freitag Morgen strömen die Muslime in großer Zahl zum wöchentlichen Gebet auf dem Tempelberg. Aus Sicherheitsgründen sind nur Männer ab 50 zugelassen, Frauen haben unbeschränkt Zugang. Am Schnittpunkt zwischen dem Kreuzweg und den Aufgängen zum Tempelberg, wo Christen und Muslime aufeinandertreffen, knistert die Luft vor Spannung. Eine alte Muslimin, erschöpft von Hitze und Gedränge, schreit auf die Polizei ein. Ich verstehe nur das eine Wort: "Jude". Doch ist das zu kurz gegriffen: Schuld an dem Gedränge sind nicht die Juden allein, schuld sind all diese Menschen, die der Jerusalemer Heiligkeit wegen die Altstadt überschwemmen.

Die Polizei hat ein Riesenaufgebot organisiert, es ist Jahre her, dass ich so viele Sicherheitskräfte in der Altstadt gesehen habe. Reichlich ausgerüstet, hervorragend strukturiert und bestens organisiert halten sie die Massen von Pilgern und Betenden in Schach, die sich durch die Gassen wälzen, errichten Straßensperren, halten die Pilger auf, damit sie sich im Gedränge nicht gegenseitig erdrücken. Gedanken an tragisch endende Fußballspiele oder an die Love Parade 2010 in Duisburg werden wach.

Ein Dankeschön für die gute Arbeit
Am Ostersonntag öffnet sich ein Ventil dieses Pulverfasses, auf dem Tempelberg, wo sich Palästinenser und israelische Sicherheitskräfte richtiggehende Schlachten liefern und die europäischen Medien einmal mehr melden: "Dutzende Verletzte auf dem Tempelberg". Wieder wird diese multikulturelle, vielschichtige Gesellschaft, die hier aufeinanderprallt, über den allzu einfachen Nenner des israelisch-palästinensischen Konfliktes definiert. Auch das: zu kurz gegriffen.

Prozession der griechisch-orthodoxen
Gemeinde durch den Bazar
Jerusalem, Ihre Heiligkeit. Alle feiern hier die Heiligkeit Jerusalems, die Juden und die Araber, die hier leben, und dazu die vielen Pilger – Juden, Christen und Muslime –, die sich in diesen Wochen zur einheimischen Bevölkerung gesellen.

Doch heilige Arbeit geleistet haben hier vor allem die Sicherheitskräfte. Ohne sie hätten diese heiligen Tage in einer Katastrophe geendet. Leider muss ich eingestehen, daß meine Reiseteilnehmer trotz aller Vorsichtsmaßnahmen und trotz des ausgeklügelten Einsatzplans der Polizei am Freitagabend nach der  Grablegungsfeier in der heiligen Stätte der Christen einer echten Gefahr ausgesetzt waren – als nämlich die Masse der Pilger, wie aus der Kanone geschossen, die Grabeskirche erstürmte. Den Göttern sei gedankt, daß nichts passiert ist. 

Sunday, February 16, 2014

5 Bemerkungen zur Situation

Im hebräischen Sprachgebrauch wird das Wort "Matzav" häufig gebraucht. Matzav heisst soviel wie "Situation" und beschreibt oft recht unangenehme Vorfälle, und deren gibt es viele, von wirtschaftlichen Schwierigkeiten über Korruption bis zu bewaffneten Zwischenfällen. In der Tageszeitung Ha‘aretz gibt es eine Kolumne mit dem obigen Titel.

Hier 5 Bemerkungen zum Matzav, zur Situation:

1. Vor nicht langer Zeit ist der ehemalige Ministerpräsident Ariel Sharon nach 8 Jahren komatöser Krankenhauspflege, nach mehreren Operationen und vielfältigen medizinischen Untersuchungen gestorben. Finanziert hat das Ganze der Staat, mit unseren Steuergeldern. Krankenhausaufenthalte sind nie angenehm, schon gar nicht in Israel, wo die Krankenhäuser sicher nicht an mitteleuropäische Standards heranreichen. Die medizinische Betreuung ist gut, aber wehe, man möchte einen Arzt sprechen. Die rennen alle von der Notaufnahme zur Abteilung und von dort zu einer Operation, keiner ist ansprechbar. Und wie steht es mit der Pflege? Auch hier wird gespart – für nichtmedizinische Pflege sind die Verwandten zuständig. Da fehlt das Geld, und es ist selbstverständlich, dass die Bürger einspringen.
Dazu eine OECD Statistik: Anzahl KrankenpflegerInnen pro 1000 Einwohner: Deutschland 11.4, Schweiz 16.6, Israel 4.8.

2. In israelischen Schulen werden bis zu 40 (!), ja, richtig gelesen: 40 Schüler in einer Klasse unterrichtet. Man spricht von Computern, modernen Unterrichtsmethoden, aber was ist mit kleineren Klassen? Davon habe ich noch nie gehört. Da fehlt das Geld. Und auch hier ist es selbstverständlich, dass die Eltern die Zusatzausbildung für ihre Kinder selbst finanzieren, weil man in den grossen Klassen nicht viel lernen kann.

3. Der öffentliche Verkehr wird vielerorts subventioniert. Zum neuen Jahr wurden die Tarife des öffentlichen Verkehrs erhöht, soll heißen: Der Staat zahlt weniger, die Bürger mehr. Seit neuestem kostet nun eine Stadtfahrt NIS 6.90, umgerechnet Fr. 1.60. Eigentlich billig, oder nicht? Aber: Wer in Israel fährt Bus? Alte Menschen, Schüler oder Niedriglohnempfänger. Der Mindeststundenlohn in Israel beträgt 23 NIS, damit kostet eine Busfahrt 30% des Mindeststundenlohns. In der Schweiz zahlt man üblicherweise ca. 15% des Mindeststundenlohns für eine Stadtfahrt. Auch hier fehlt es an Geld.
Nördlich von Jerusalem - Stadtbild mit Mauer

4. Im Dezember 2013 habe ich an einer Exkursion der NGO Ir Amim im Norden Jerusalems teilgenommen. Ir Amim setzt sich für ein "gerechtes und stabiles Jerusalem mit einer gemeinsam ausgehandelten politischen Zukunft" ein. Wir haben die verschiedenen jüdischen Stadtviertel und Siedlungen, die palästinensischen Stadtviertel und Flüchtlingslager, die Mauern, die Zäune und die dazugehörigen Umgehungsstraßen, diese ganze verschandelte Landschaft von verschiedenen Aussichtspunkten aus betrachtet und die dazugehörigen Karten studiert. Man muss es schon gesehen haben, um es überhaupt zu glauben, aber sicher ist nur eines: Es werden Unmengen von Geld verschleudert, vorgeblich, um die Stadt Jerusalem zu vereinigen... De facto jedoch wird die Stadt gerade in kleinste Einheiten zerstückelt.

5. Vor kurzem lernte ich den Verwalter eines Gemeindekulturzentrums von Jerusalem kennen. Er ist Israeli und Jude, arbeitet aber im arabischen Teil von Ostjerusalem – in Stadtvierteln, die zum Stadtgebiet von Jerusalem gehören, aber außerhalb der Mauer liegen, also vom Stadtzentrum abgeschnitten sind. Er leistet dort eine Menge, damit junge Palästinenser Fußball spielen oder Frauen sich im Kulturzentrum treffen können. Als ich wieder zu Hause war, habe ich mir seine Visitenkarte noch einmal genauer angesehen. Eine grafisch ansprechend gestaltete Karte mit dem Marketing-Slogan: "inside the city, outside the fence". Ein guter Spruch, ja sogar sehr clever (und ich verstehe einiges davon, schließlich habe ich 20 Jahre in der Unternehmenskommunikation gearbeitet). Irgendjemand hat auch das finanziert, weil es wichtig ist, dass die Jerusalemer Mauer richtig vermarktet wird.


Was tun wir, um die Situation zu ändern? So wenig, wie die meisten anderen Bürger auch. Man redet viel und tut herzlich wenig. In diesem Zusammenhang denke ich auch an ein Gespräch, das ich vor wenigen Wochen mit einer Schweizer Freundin, die ebenfalls seit vielen Jahren in Israel lebt, führte. Sie hat 4 militärpflichtige Söhne. Wir sprachen über die "bewusste Verdrängung" der Situation, die vielen Ungerechtigkeiten, die falsch gesetzten Prioritäten, die Dummheit der Politiker, die immer neuen Spitzfindigkeiten der Gesetzgebung. Einerseits gehen wir mit offenen Augen und ganz bewusst durch die Welt, andererseits ist diese Realität häufig so schmerzhaft, dass wir sie verdrängen. Und wenn 4 Söhne Militärpflicht leisten, ist das mit Sicherheit ein guter Grund, um die Situation zu verdrängen.

Monday, January 27, 2014

68 Jahre danach - die langen Schatten des Holocaust

Familie Nordenberg, Plonsk, ca. 1929. Zwei Mädchen
durften auswandern und haben überlebt.
Meine Schwiegereltern wanderten 1935 als ganz junge Menschen von Polen nach Palästina aus. Die Britische Mandatsverwaltung in Palästina stellte ihnen ein “Zertifikat” aus, eine Einwanderungsbewilligung. Ihre Eltern und Geschwister haben sie nie wieder gesehen; kein einziger von ihnen hat die Verfolgung und die industrielle Vernichtung der Nazis überlebt. Überlebt haben lediglich einige entfernte Verwandte, die sich nach und nach mühselig wieder ein normales Leben aufbauten. Dies ist der familiäre Hintergrund meines Lebenspartners, der wenige Jahre nach Kriegsende geboren wurde.

Ich dagegen bin in der Schweiz geboren und aufgewachsen, meine Familienwurzeln im Kanton Bern reichen jahrhundertelang zurück.

Kennengelernt haben wir uns 1978, und seither lebe ich in Israel. Aus verschiedenen Gründen bin ich zum Judentum konvertiert, damit sind unsere drei Kinder nach Gesetz und Brauch ebenfalls Juden.

Viele unserer gleichaltrigen Freunde sind Kinder von KZ-Überlebenden oder rechtzeitig Ausgewanderten, und in den letzten 35 Jahren konnte ich die vielschichtigen Aspekte der Verfolgung auch in der Nachkriegsgeneration aus nächster Nähe beobachten. Auch nach 70 Jahren kann das Grauenhafte nicht einfach unter den Teppich gekehrt werden; es lebt nicht nur in der direkt betroffenen Generation weiter, sondern auch in der Folgegeneration, die heute 50, 60 oder 65 Jahre alt ist – in vermindertem Maße zwar, doch allgegenwärtig und deutlich spürbar. Auch die israelische Politik unter Ministerpräsident Nethanyahu ist stark davon geprägt. Die Schatten von 6 Millionen Toten sind sehr lang. Anders ist das jedoch bei der nächsten Generation, unseren Kindern.

Viele israelische Gymnasiasten, besonders diejenigen mit europäischen Wurzeln, nehmen an einer Reise nach Polen teil, die die Schüler auf die Spuren ihrer Vergangenheit zu den Ghettos, den Vernichtungslagern und den Friedhöfen führt. Auch unsere drei Kindern haben an einer solchen Reise teilgenommen. Sie wurden in vielstündigen Arbeitsseminaren darauf vorbereitet und mussten sich mit unterschiedlichsten Aspekten von Verfolgung und Humanität, Krieg und Frieden auseinander setzen. Bei jedem von den Dreien hatte ich nach der Reise den Eindruck, die Generation unserer Kinder hat eine größere emotionale Distanz zum Holocaust – eine Distanz, die die erste Nachkriegsgeneration nicht haben konnte, weil sie allzu direkt betroffen war. Insgesamt werte ich das als positives Zeichen. Die Zeit heilt bekanntlich Wunden, damit werden auch die Schatten des Holocaust langsam kürzer. So wird die israelische Politik vielleicht in absehbarer Zukunft, wenn diese nächste Generation das Schicksal des Staates lenken wird, weniger traumatisiert und pragmatischer geprägt sein.

Vor der Polenreise wurden wir Eltern gebeten, unseren Kindern einen Brief zu schreiben, der ihnen während der Reise ausgehändigt werden sollte. Untenstehend ist ein leicht gekürzter Brief, den ich meinen Kindern jeweils mitgegeben habe (2004, 2006, 2010).

Lieber J., liebe A., liebe T.,
Diesen Brief wirst Du in Polen lesen, auf einer Reise, die vielleicht die schwierigste Deines Lebens sein wird. Du wirst von einem Friedhof zum anderen fahren, von den Überresten der jüdischen Ghettos zu den Vernichtungslagern, Orte, an denen eines der schrecklichsten Verbrechen an Menschen begangen wurden, nur weil sie einer gewissen Gruppe Menschen angehörte, DEINEM Volk. Ich sage hier “Deinem Volk”, weil ich als Christin aufgewachsen bin, und vom Trauma der Familie Deines Vaters, Deiner Grosseltern, Deines Onkels und aller anderen aus Europa stammenden Juden nicht betroffen war. Sosehr ich mich heute mit Israel identifiziere, und mich als zugehörig ansehe, in diesem Falle bin ich ein Aussenseiter, weil meine Familie nicht von den Nazis verfolgt wurde. Mein Volk hat im Gegenteil sogar herzlich wenig dazu beigetragen, den Verfolgten zu helfen; das ist die traurige, aber aufrichtige Wahrheit, die zu schreiben mir nicht leicht fällt. Ich werde nie verstehen können, was es bedeutet, mit dem Trauma von Pogromen, Verfolgung und gezielter Vernichtung zu leben. Wenn Dein Vater darüber nachdenkt, ob es “sicher” ist, nach Südfrankreich zu fahren, weil es dort viele Araber und Antisemitismus gibt, kann ich diese Bedenken emotional nicht nachvollziehen, glaube jedoch, die Wurzeln dieser Ängste zu erkennen – eben gerade in dieser zwar nicht direkt, aber doch indirekt erlebten Verfolgung. So tief sitzt die Angst vor Verfolgung, auch in der ersten in Israel geborenen Generation.
 
Suchanzeige für Esther Nordenberg,
ausgestellt von der überlebenden
Familie in Israel
Du unternimmst eine Reise, zu der ich nie den Mut hatte. Du besuchst das Land deiner Vorväter, wo sie während Generationen gelebt haben und eine reiche und ganz besondere Kultur errichtet haben, die von den Nazis und ihren Handlangern vollständig vernichtet wurde. Die Überreste davon werden von uns modernen, freiheitlichen und säkularen Israelis vielfach belächelt, es ist in einem modernen demokratischen Staat nicht “in”, orthodoxer Jude zu sein, das hat keinen Platz in unserer modernen Gesellschaft.

Ich möchte, dass Du von dieser Reise Folgendes lernst
  • Ehre die Kultur Deiner polnischen Vorväter. Du stammst von zwei verschiedenen Völkern ab, und es ist wichtig, dass du beide ehrst. Oft scheint es einfacher, Deine Schweizer Kultur zu ehren, sie ist weit weg, sie bedeutet Sommerferien oder Skifahren, sie bringt keine traumatischen Erfahrungen mit sich wie diejenigen der europäischen Juden, und deshalb erscheint sie oft verständlicher. Ich hoffe, dass Dir die Teilnahme an dieser Reise die Augen öffnen wird für eine untergegangene, aber reiche und interessante Kultur und auch für das Leid, das dieser Teil Deiner Familie durchleben musste und muss. Diese Reise soll Dich lehren, die Toten zu ehren, noch mehr jedoch, die Überlebenden zu respektieren, diejenigen, die Schreckliches erlebt haben und sich trotz allem entschlossen haben, einen Neuanfang zu machen, die geheiratet und Familien gegründet, eine neue Sprache erlernt und ein neues Land aufgebaut haben, allen Unannehmlichkeiten im Nahen Osten zum Trotz.
  • Hasse einen Menschen niemals, weil er einer gewissen Gruppe angehört. Der Holocaust und andere rassistische Verfolgungen konnten und können nur durchgeführt werden, weil Menschen ihre Mitmenschen als “einer anderen Gruppe zugehörig“ angesehen haben und ansehen. Ich möchte nicht, dass Du von dieser Reise zurückkommst und diejenigen hasst, die die schrecklichsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit durchgeführt haben. Auch dieser Hass wäre nämlich eine Art Rassismus. Du bist eine Generation weiter von diesen unerträglichen Greueln entfernt, und deswegen ist es für Dich schon einfacher. Vielleicht reichen die langen Schatten der Toten und Überlebenden inzwischen nicht mehr ganz so weit. Dein Vater und ich haben versucht, Dir humanitäre Werte, Verständnis und Toleranz für andere Kulturen mitzugeben – Werte, die das Fundament unseres gemeinsamen Lebens bilden, Werte, ohne die unsere Ehe keinen Bestand hätte. Unsere Welten sind zu verschieden, und es waren viel Toleranz und gegenseitige Akzeptanz nötig, um die Verschiedenheiten zu überbrücken.
  • Öffne Deine Augen für das Leid der Anderen. Dies ist ein Wunsch, den ich Dir auf diese Reise mitgebe. Im Vorbereitungsseminar haben Du und Deine Mitschüler bereits bewiesen, dass Ihr die Welt mit offenen Augen seht. Den Brief, den Ihr Ministerpräsident Ariel Sharon geschrieben habt*, hat mich beeindruckt, da er zeigt, dass Ihr Eure Augen nicht einfach vor dem Leid Anderer verschließt. Wir können nicht alles ändern, aber wir können vieles in unserem kleinen Wirkungskreis ändern – und manchmal auch im größeren Rahmen.


Ich liebe und umarme Dich,
Ima (das hebräische Wort für Mami)


* Im Fr
ühling Jahre 2004, im Rahmen des Vorbereitungsseminars, haben die Schüler des Gymnasiums, als die Vergasung politischer Häftlinge in Nordkorea publik wurde, einen Brief an den israelischen Ministerpräsident mit der Aufforderung, bei der nordkoreanischen Regierung Protest gegen dieses Vorgehen einzulegen.