Tuesday, May 9, 2017

Gottesgeschenke und Gottesstrafen in biblischen Landen

Das Fazit am Ende der Regensaison in der Region* ist ernüchternd: die Niederschläge betragen 61-70% der durchschnittlichen Jahresmenge, bei überdurchschnittlich hohen Temperaturen. Der nächste Regen fällt erst im Oktober. Aber es geht um viel mehr als nur ein weiteres magers Jahr, es geht um die Existenz von Millionen von Menschen.

Viele kennen die Geschichte aus dem Alten Testament: Pharao, der ägyptische Herrscher, träumt von 7 fetten und von 7 mageren Kühen; die mageren fressen die fetten auf (1. Moses, Kapitel 41). Die Kühe stehen symbolisch für 7 ertragreiche Jahre, auf die 7 Jahre mit schlechtern Ernten und schweren Hungersnöten folgen werden. Unter der Leitung von Joseph sorgt Ägypten vor und entgeht so der Hungersnot.
Im Buche 1. Könige, Kapitel 17 und 18 wird von der grossen Not der Menschen erzählt, von Bächen, die austrocknen, von der Wittwe, die kein Mehl mehr hat und nun verhungern muss.
Auch Jesus, in seinen Reden über die Endzeit, spricht von Hunger. In Matthäus 24, 7, in den Reden über die Endzeit, spricht er: «Denn erheben wird sich Volk wider Volk und Reich wider Reich, und es werden da und dort Hungersnöte und Erdbeben kommen.»

Regen in Sicht,
Nethania, Mittelmeerküste
Die Region des fruchtbaren Halbmondes ist von einem kurzen Winter mit Regen und einem langen, regenlosen und heissen Sommer charakterisiert. Viel Regen im Winter bedeutet eine gute Ernte im Frühling und genügend Wasser in den Quellen, um die lange Trockenzeit zu überleben. Bereits im Altertum haben Menschen vorgesorgt, um nicht alles Gott oder dem Zufall zu überlassen. Davon zeugen die unzähligen Zisternen und Wassersysteme, die in der Region angelegt wurden. Im Buch 2. Chronik 32, 30, wird ein Meisterwerk an Bautechnologie beschrieben: «Hiskia war es auch, der den oberen Ausfluss des Gihon-Wassers zuschütten und dieses nach der Westseite der Davidsstadt hinunterleiten liess.» Dieser Tunnel, 550 m lang, ist begehbar, man watet durch das wunderbar frische Gihon-Quellwasser, der Tunnel wurde vor 2700 Jahren erstellt. Die Kaaaniter hatten bereits Hunderte von Jahre vorher Wasser aus dieser Quelle auf ihre Felder abgeleitet, z.T. durch einen unterirdischen Kanal. Später hat König Herodes der Grosse Wasser aus der Region Bethlehem und Hebron nach Jerusalem abgeleitet, um den wachsenden Bedürfnissen der Stadt zu genügen, über eine Distanz von mehr als 20 km. Das sind nur einige wenige Beispiele.

Eng verkoppelt mit der Hoffnung auf genügend Regen ist der Glaube an Gott, den belohnenden oder strafenden Gott. Jesaja 44, 3: «Denn ich (der Herr), giesse Wasser auf durstiges Land und rieselnde Bäche über das Trockene.»
Der Prophet Elia, in seiner Auseinandersetzung mit König Ahab, dem Herrscher von Israel, wirft dem König vor: «Nicht ich habe Israel ins Verderben gestürzt, sondern du und dein Geschlecht, weil ihr den Herrn verlassen habt und den Baalen nachgelaufen seid.» 3 Jahre lang fällt kein Regen, eine schreckliche Strafe Gottes (1. Könige, Kapitel 18, 18).

Dezember 2016 - Nach dem Regen bilden
sich in der Küstenebene grosse Pfützen  
Messlatte im See Genezareth
Im Herbst 2016, vor Beginn der Regenzeit, war ich mit Salim, dem palästinensischen Busfahrer, unterwegs. Die Meerzwiebeln, die Herbstblumen, blühten in grossen Mengen. Er stammt aus einer Beduinenfamilie und hat mir nach einer alten Bauernregel vorausgesagt, dass der Winter gut sein wird, weil viele Meerzwiebeln blühen. Den ganzen Winter habe ich mich an diese Hoffnung geklammert. Nach verheerenden Waldbränden Ende November hat es den ganzen Dezember geregnet. Januar und Februar waren trocken. Und nun, im Mai, ist das Fazit ernüchternd: 61-70% der durchschnittlichen Jahresmenge, abhängig vom Standort, mit überdurchschnittlich hohen Temperaturen. Dem See Genezareth fehlen Ende Regenzeit bereits 4.16 m Wasser, der Pegel des Toten Meeres sinkt jedes Jahr um weitere 1.2 m.

Wasserröhren - allgegenwärtig
auf allen Feldern
Israel geht es wirtschaftlich ausgezeichnet, und der Staat investiert viel in Wasserinfrastruktur. Wir entsalzen Meerwasser, wir benutzen das aufgeklärte Abwasser ein zweites Mal, indem es auf die Felder geleitet wird, jede Quelle wird angezapft. Überall werden Wasserreservoire gebaut, jede Pflanze auf jedem Feld kriegt, genau abgemessen, die richtige Menge Wasser, über Tropfschläuche oder Sprinkler, eine unglaubliche Leistung. Aber, die Niederschläge liegen seit Jahren unter dem Durchschnitt.
Bewässerungssystem im Hulatal

Wir hoffen nun wieder auf den nächsten Winter, wie jedes Jahr. Vielleicht belohnt uns der biblische Gott nächstes Jahr und füllt den See endlich wieder? Oder erwärmt sich die Erde nun doch? Die Grenze zur Wüste liegt nahe, jede noch so kleine Veränderung des Klimas wirkt sich sofort aus, die Wüste ist auf dem Vormarsch, von Süden und von Osten her.

Forscher sagen, dass der Bürgerkrieg in Syrien sehr eng mit dieser klimatischen Änderung zusammenhängt. Aber das ist eine andere Geschichte, oder vielleicht auch nicht. Millionen von Menschen hoffen hier jeden Winter auf Regen, als Gottesgeschenk, Gott jedoch scheint die Region zu strafen. Fragen Sie mal den neuen Präsidenten der USA, ob es eine Klimaveränderung gibt, der weiss alles besser.

Draussen messen wir heute 35 Grad.

* Der Ausdruck Region is grenzübergreifend und betrifft die Länder im östlichen Mittelmeer: Libanon, Syrien, Jordanien, Israel und die Palästinensischen Gebiete.








  Alte Zisterne, Region Sharon
 Pelikane in Wasserreservoir





Sunday, September 4, 2016

Im Würgegriff der Angst

Von München über die USA bis Istanbul und Bagdad, Paris und Brüssel regiert der Terror, wird zum ewigen Medienthema. Die Zeitungen des Sommerloches sind voll mit Bildern, Geschichten und Kommentaren zu den Terrorangriffen, das Fernsehen zeigt immer wieder die gleichen Bilder von Orlando, Nizza und Ansbach. Es wird getwittert, Facebook und Youtube laufen heiss. Und die Politiker nutzen die Angriffe jeweils für ihre eigenen Ziele. Und immer wieder wird über Angst diskutiert.

Europa befindet sich im Würgegriff der Angst, schreibt mir eine Reiseteilnehmerin aus Deutschland. Der Terror und die Angst sind zum europäischen Dauerthema mutiert.

Warnung vor Minen an der Grenze zwischen Jordanien
und den besetzten Gebieten, östlich von Jericho
In Bethlehem führe ich ein Gespräch mit P., einem palästinensischen Christ und stelle fest, dass auch dort Angst herrscht. Die israelischen Behörden haben den Christen der besetzten Gebiete eine 3-monatige Reisebewilligung nach Israel erteilt. P. hat Angst, auf der Strasse zwischen Jerusalem und Jericho von einem Soldaten oder einem Siedler an- oder erschossen zu werden. Er möchte gerne nach Haifa fahren, findet es jedoch gefährlich. Mein Argument, dass im Kernland von Israel beinahe 2 Millionen Araber, Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft, leben, die sich überall frei bewegen, überzeugt ihn nicht. Nicht nur die Israelis haben Angst vor den Palästinensern, die Araber haben genauso Angst vor den Israelis. 

Im Niemandsland zwischen der Westbank
und der israelischen Küste, 15 km von unserem
Dorf und doch Welten entfernt. Bürgerschutz?
Ich übernachte mit einer Gruppe in Bethlehem. Ich werde von verschiedenen Seiten gewarnt und bleibe abends hinter den Mauern des Gästehauses, unter dem Vorwand, dass ich nach einem langen Tag Reiseleitung (in Jerusalem) in der Sommerhitze zu müde zum Spazieren bin. Angst? Ja. etwas.

K., ein Afro-Amerikaner, gesellt sich zu P. und mir in Bethlehem, und wir entwickeln unser Gespräch über Angst weiter. Er erzählt von seinem Sohn in den USA, der in Quartieren des weissen Mittelstandes hausiert. K. hat ihm genaue Verhaltensanweisungen gegeben, damit er nicht von irgendeinem Weissen an- oder erschossen wird. K. hat Angst um seinen schwarzen Sohn.

Angst, überall, in Europa, in den USA, im Nahen und Mittleren Osten, immer wieder Angst. Wie schützen wir uns davor?

Auf Staatsebene kann und soll der Staat und seine Behörden seine Bürger durch strengere Sicherheitsmassnahmen besser schützen. Viel wird über die Israelisierung der europäischen Städte diskutiert, auf Kosten der «persönlichen Freiheit». Wir leben seit 15 Jahren mit Sicherheitskontrollen am Eingang vom Bahnhof, dem Einkaufszentrum, bei Massenveranstaltungen. Nie habe ich dabei das Gefühl, dass dadurch meine persönliche Freiheit eingeschränkt wird. Man wechselt einige freundliche Worte mit dem Sicherheitsbeamten und geht weiter. So sieht die Israelisierung, oberflächlich gesehen, aus. Natürlich steckt da auch mehr dahinter. In Europa gibt es im öffentlichen Bereich bereits bedeutend mehr Sicherheitspersonal als vor einem Jahr.

Ein Teil der Angstbearbeitung muss jedoch von uns selber auf der persönlichen Ebene geleistet werden:
  • -       Rationalisierung: es gibt viel mehr Unfalltote als Terrortote, die meisten Menschen sterben im Bett, an Krankheiten… Wie viele Terrortote gibt es nun wirklich? Ganz verschwindend wenig.
  • -       Relativierung: nach dem Anschlag auf die Charlie Hebdo-Redaktion in Paris habe ich auf FB Posts gesehen, in denen Pariser gefragt wurden, ob sie gesund seien. Irrational? Ja, ganz sicher.
  • -       Bewusster und relativierter Medienkonsum, mit dem Hintergrundgedanken, uns weniger beeinflussen zu lassen. Wenn die TV-Kameras jede Blutlache bei Autounfällen um die ganze Welt senden würden, ginge keiner mehr auf die Strasse. Und trotzdem setzen wir uns jeden Tag ins Auto oder aufs Fahrrad und setzen uns viel grösseren Gefahren aus.

Überall Zäune, geschlossene Tore.
Auch in Europa wird heute darüber diskutiert.
Während des 1. Golfkrieges, im Winter 1991, habe ich Medienwissenschaften studiert. Die Uni war während des Krieges geschlossen. Die provozierende Frage eines jungen, frechen Lektors nach Ende des Krieges „So, habt ihr den Krieg genossen?“ hat eine heftige Diskussion ausgelöst. Was meinte er damit, der kecke Typ? Die Raketen aus dem Arsenal von Saddam Hussein haben damals viel Nervenkitzel in unseren Routinealltag gebracht, und so bringen auch die Bilder von Orlando oder Nizza viel Interessantes in unsere Wohnzimmer.

UNSERE Waffen gegen die bärtigen Gesellen des IS, die sich bei jedem Anschlag ins Fäustchen lachen, sind ein besserer Schutz der Bürger durch den Staat, eine persönliche Bemühung um eine Relativierung der Angst, sowie ein ganz bewusster, vielleicht verminderter Medienkonsum.
Und….. trotzdem hinfahren, nach Paris, nach Istanbul, um zu sehen und zu staunen, dass durch einen Terroranschlag nicht ganze Städte in Schutt und Asche gelegt werden. Dafür müsste man nach Syrien oder in den Irak fahren. Dort lernt man wirklich das Fürchten, und von dort wollen alle nur weg.

Thursday, July 7, 2016

Doppelt genäht hält besser? Gedanken zu Heirat und Menschenrechten

Wer uns näher kennt, weiss, dass wir momentan beschäftigt sind, zwei unserer drei Kinder unter die Haube zu bringen. Jedes heiratet auch gleich zwei Mal, einmal zivil im Ausland, das zweite Mal mit einem Familienfest. Warum? Weil doppelt genäht besser hält, wie es eine alte Redensart besagt? Die Antwort findet Ihr unten. Letztes Jahr habe ich das Thema Heirat in einem Blog bereits thematisiert, nun ist es für uns höchst aktuell.


Hochzeit auf Kreta
Heiraten dürfen, wen man möchte, ist laut UNO ein grundlegendes Menschenrecht. In ihrer Allgemeinen Erklärung sind der grundlegende Schutz von Ehe und Familie, die Freiheit zur Eheschliessung, die Gleichberechtigung der Ehepartner und die Freiheit zur Familiengründung definiert. Artikel 16 gewährt das Recht zur Eheschließung unabhängig von Rasse, Staatsbürgerschaft oder Religion, schützt aber auch die Freiheit, eine Ehe nicht eingehen zu wollen.

Daneben steht es den einzelnen Staaten frei, in ihren Ehegesetzen andere Hindernisse zu bestimmen, wie z.B. das Verbot der Polygamie oder der Eheschließung zwischen nahen Blutsverwandten. Die westlichen Demokratien haben diese beiden Hindernisse in ihrer Gesetzgebung verankert; entsprechend werden die zu Vermählenden vor der Eheschließung vom Zivilstandsamt / Standesamt überprüft. Darüber hinaus wird in vielen westlichen Ländern um die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen gerungen.

Feier im engsten Familienkreis
Im gesamten Nahen Osten, so das Ergebnis einer Internetrecherche, gibt es keine zivilen Eheschließungen, die Autorität liegt bei den jeweiligen religiösen Gemeinden, also bei Scheichen, Priestern oder Rabbinern. Im Libanon wurde 1936 (unter dem Französischen Mandat) ein Dekret ausgearbeitet, das den religiösen Gemeinden die gesetzliche und administrative Verantwortung für alle Personenstandsangelegenheiten überträgt. Wobei im Libanon nicht weniger als 18 verschiedene Religionsgruppen leben!

Praktisch bedeutet das: In allen Ländern, die ähnlich wie der Libanon eine große Anzahl verschiedener ethnischer und religiöser Gruppierungen aufweisen, darf nur innerhalb der eigenen Religionsgemeinde geheiratet werden. Da gibt es Sunniten und Schiiten, Christen 16 verschiedener Konfessionen, Drusen, Jesiden, Alawiten, Ahmedi, und Bahai – und eine Vermischung ist praktisch unmöglich, denn: wer sollte die Liebenden trauen? So werden die Bestimmungen der UNO de facto ausgehebelt.
Hochzeitsfeier in Jerusalem

Israel bildet da keine Ausnahme. Christen können keine Muslime heiraten, Muslime keine Juden, usw. Die jüdische Gesetzgebung (Halacha) hat weitere Auflagen - uralte Gesetze, in denen festgelegt wurde, wer wen heiraten darf – und auch wann.

Meine Kinder und ihre Partner sind jüdisch, es gibt also keine Hindernisse. Man geht zum Rabbinat, schreibt sich ein und heiratet – ein scheinbar unkomplizierter Vorgang. Oder doch nicht?

Stellt Euch Folgendes vor: Ihr seid ein protestantisches Liebespaar in einem überwiegend protestantischen Staat und wollt heiraten. Der Staat schreibt vor, dass Euch nur ein katholischer Priester trauen (und auch scheiden) kann. So ungefähr läuft es hier. In unserem sozialen Umfeld ist kaum jemand fromm, auch nicht annähernd, aber heiraten (und sich scheiden lassen) – das geht ausschließlich über die orthodoxen Institutionen.

Es gibt natürlich Alternativen. Unser Sohn und seine Partnerin haben sich von einem nicht-orthodoxen Rabbiner in Jerusalem trauen lassen − nur ist diese Eheschliessung nicht rechtsgültig. Man kann auch einen (zivilen) Ehevertrag schließen, doch auch dieser wäre nicht rechtsgültig. Unsere Tochter und ihr Partner wünschten sich eine Feier im engsten Familienkreis auf Kreta, mit Sonne, Meer und einer privaten Zeremonie.
Fröhlicher Hochzeitsmarsch vor dem Panorama
der Jerusalemer Altstadt

Ziviltrauungen im Ausland werden sowohl von Israel als auch vom Libanon als rechtsgültig anerkannt. Unsere Tochter und ihr Partner haben sich in der Schweiz zivil trauen lassen, unser Sohn und seine Partnerin heiraten in Zypern. Dort hat sich eine regelrechte Heiratsindustrie entwickelt, wo sich Israelis und Libanesen, die zu Hause nicht heiraten wollen oder dürfen, die Klinke in die Hand geben.

Mazal tov!!


Sunday, June 21, 2015

Zwischen Orthodoxie, Veränderung und Gleichgültigkeit

Vor geraumer Zeit wurde ich auf eine jüdisch-feministische Gruppe aufmerksam, die sich „Women of the Wall“ nennt; eine meiner Reisegruppen hat sich auch mit Batya getroffen, die in dieser Bewegung eine führende Rolle spielt.

Die Gruppe besteht seit 26 Jahren und kämpft für das Recht von Frauen, an der Klagemauer gemeinsam laut beten und singen zu dürfen, Tallit (Gebetschal) und Tefilin (Gebetsriemen) zu tragen und aus der Thora vorzulesen – lauter Dinge, die das orthodoxe Judentum den Frauen nicht gestattet. Die „Women of the Wall“ sind zum großen Teil Einwanderinnen aus den USA und gehören zur dort größten Strömung des Judentums, dem Reformjudentum. Seit Jahren streiten sie für religiöse Gleichberechtigung und haben in einigen Punkten vor dem Hohen Gericht einen Durchbruch erzielt. Link zur Webseite von Women of the Wall

Am 1. Tag des Monats Tammuz, der wie jeder jüdische (und auch muslimische) Monat bei Neumond beginnt, habe ich am frühen Morgen die Klagemauer aufgesucht.

6.30 Uhr: Bereits aus großer Entfernung hört man die Männer singen, sie beten und tanzen, laut, gemeinsam, so ist es Brauch, so bestimmt es die Halacha, der jüdische Gesetzeskodex. Auf der Frauenseite sitzen die Frauen, jede für sich, und beten leise, so ist der Brauch, so bestimmt es die Halacha.

Bis 7.00 Uhr haben sich 250 Frauen aller Altersstufen auf der Frauenseite versammelt, zum Teil tragen sie eine Kippa (die Kopfbedeckung der religiösen Männer), den Tallit und Tefilin. Sie beginnen mit dem Gebet, das den neuen Monat empfängt. Jedes Mal, wenn die Frauen laut singen, gellen schrille Pfiffe über den Platz. Ich suche die Störenfriede auf der Männerseite, kann jedoch nichts erkennen.











7.30 Uhr: Zwei Polizisten haben die Missetäter ausfindig gemacht, es sind einige fromme Frauen, die sich empört gegen dieses allmonatliche Spektakel wehren, das sie als Provokation empfinden.


Nur wenige Frauen sind es, fünf oder sechs, Einzelkämpferinnen, streitbare Frauen, die sich nun zu einer heiligen Allianz zusammengeschlossen haben. Sie beschimpfen die geschlossene Gruppe der „Women of the Wall“: „Schämt Euch, ihr seid Ungläubige, geht nach Hause, ihr verstoßt gegen die Halacha, ihr stört uns.“ Es sind mutige Frauen, deren Leben von der Orthodoxie geprägt ist, die gewohnt sind, den Rabbinern und der Halacha zu gehorchen, einem Lebensrhythmus unterworfen, der alles vorbestimmt. Und jetzt plötzlich lehnen sie sich auf, gegen dieses Neue, Ungewohnte. Sie besprechen sich, sie beten gemeinsam (!), drängen fromme junge Mädchen weg, die neugierig die Gruppe der singenden Frauen beobachten. Die jungen Seelen könnten schlecht beeinflusst werden von diesen frechen Frauen, die es wagen, öffentlich zu singen und zu beten!










Die Frauenseite der Klagemauer wird hier zum Mikrokosmos des Judentums, dem Disput zwischen der orthodoxen Auslegung der jüdischen Gesetze, die in Israel alleine bestimmend ist, und den verschiedenen liberalen Strömungen des Judentums, die sich vor allem in den USA entwickelt haben und die eine moderne Gesetzesauslegung befürworten. In Israel haben diese liberalen Strömungen keinen rechtsgültigen Status.

Verbotene Handlung auf der Frauenseite
der Klagemauer: lautes Beten, Singen und
Toralesen.
Neben den verschiedenen Strömungen und den Diskussionen über das „wahre“ Judentum steht die Mehrheit der säkulären Israelis und versteht nicht, worum es eigentlich geht, was der ganze Lärm soll. Unkenntnis der religiösen Gesetze, Gleichgültigkeit und tagtäglicher Stress prägt diesen Teil der Gesellschaft: die ewig steigenden Wohnungspreise, die Verkehrsstaus, der unerträglich heiße Sommer, die zwei Monate dauernden Sommerferien, für die man jeden Tag neu eine Ganztagesbetreuung für die Kinder sucht, um weiter arbeiten zu können. Wen kümmert da, was der neue Religionsminister, David Azulai, von der orthodoxen Schas-Partei, letzte Woche in einem Interview sagt: „Wenn Frauen mit Tallit, Tefillin und einer Thorarolle zur Klagemauer kommen, ist das kein Gebet, es ist eine Provokation!“ In der Gedankenwelt der säkularen Israelis ist für die als Haarspalterei empfundenen Streitereien der Frommen zwischen Orthdox und Liberal kein Platz.


 Am Schabbat fahren keine Busse, es gibt keine Ziviltrauungen (s. dazu meinen letzten Blog), alles unter dem Diktat der Orthodoxie, und das geht uns alle an. So betrachte ich die Women of the Wall als wichtigen Teil einer Debatte, die in der israelischen Gesellschaft stattfinden sollte.

Monday, June 15, 2015

Ein Recht auf Liebe?

Gedanken zu Heirat, Scheidung und moderner ziviler Gesetzgebung in Israel

Tel Aviv schmückt sich mit den Regenbogenfahnen der LGBT Gemeinde (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender) und feiert im Juni eine Woche lang das GayFestival.
Auf der Tel Aviver Gay-Webseite werden die Fortschritte in der Gleichstellung der sexuellen Minderheiten in Israel gelobt: die progressive Gesetzgebung und Rechtsprechung, die Änderungen der letzten Jahre von einem Leben am Rand der israelischen Gesellschaft hin zu erhöhter Sichtbarkeit und wachsender Akzeptanz.
http://www.gaytlvguide.com/start-here/gay-rights-in-israel

Die Regenbogenflaggen wehen in Tel Aviv
 Juni 2015 
In der Schweiz wird homosexuellen Paaren durch eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofes vom Mai 2015 das Recht auf Adoption verweigert. In Deutschland wird über eine Gesetzesänderung für gleichgeschlechtliche Ehen gestritten. Die Diskussion dreht sich um das Recht auf Liebe und die Wahl, den geliebten Partner auch heiraten zu dürfen.

Israel gibt sich fortschrittlich. Gleichgeschlechtliche Paare bringen ihre durch Leihmutterschaft gezeugten und geborenen Kinder aus dem Ausland mit, und sie werden als Kinder beider Ehepartner registriert.

Hier folgt jedoch ein großes Aber. Für das Gros der israelischen Bevölkerung gibt es im zivilen Bereich keine progressive Gesetzgebung und Rechtssprechung. Es gibt keine Ziviltrauung. Die Verantwortung liegt allein bei den religiösen Instanzen, bei den jeweiligen jüdischen, muslimischen oder christlichen Institutionen. So wurde es im osmanischen Reich bis 1918 in der ganzen Region gehandhabt, und die Engländer, die 30 Jahre lang die Region verwalteten, haben daran nichts verändert. Israel hat diese Gesetze 1948 mit der Staatsgründung dann ebenfalls übernommen, und obwohl es verschiedene Vorstöße in der Knesset gab – geändert wurden sie nicht.
So gilt nun für Juden im Staat das halachische Gesetz, für Muslime gilt die Scharia. Die Halacha bestimmt beispielsweise, dass ein männlicher Jude aus der Priesterkaste (eine Einrichtung aus der Tempelzeit; heute existiert diese Kaste nur noch dem Namen nach – Cohen, Kagan etc.) keine geschiedene Frau heiraten darf. Jüdischen Einwanderern, vor allem aus der ehemaligen Sowjetunion, die ihre jüdische Abstammung nicht nachweisen können, wird die Ehe mit einem Juden verweigert. Bei der Heirat wird die jüdische Frau dem Mann „angeheiligt“, folglich ist auch der Mann derjenige, der die Scheidung initiieren darf. Eine jüdische Frau, die sich scheiden lassen möchte, bleibt auf ewig gebunden, wenn der Ehemann sich der Scheidung verweigert. Der kürzlich erschienene Film „Gett − der Prozess der Viviane Amsalem“ zeigt diese Problematik mit aller Deutlichkeit, und zwar sowohl die Ohnmacht der Frauen als auch die (vermeintliche?) Machtlosigkeit der Rabbiner gegenüber der Willkür eines eifersüchtigen Ehemannes. Hier ein Link zum Trailer des Films http://www.imdb.com/title/tt3062880/   Ein muslimischer Mann kann sich von seiner Frau scheiden lassen, sie hat kein Mitspracherecht. Das sind nur einige wenige Beispiele dieser „altehrwürdigen“ Gesetze. Es gibt auch keine religiösen „Mischehen“ − welche Institution sollte eine Muslima mit einem jüdischen Mann oder einen christlichen Mann mit einer Jüdin verheiraten?

Yaara und Omer gehören zu den wenigen, die hier ohne Rabbiner
geheiratet haben, unterstützt von der Bewegung "freies Israel"
http://bfree.org.il/english
Wer hier nicht heiraten darf, kann eine Ehe im Ausland schließen, was dann wiederum vom demokratisch-zivilen Staat Israel anerkannt wird: Der Staat registriert das Paar als Ehepartner. Im naheliegenden Zypern hat sich eine richtiggehende Heiratsindustrie entwickelt. Es geschieht aber eher selten, dass säkulare Israelis, die hier heiraten dürfen, eine Eheschließung im Ausland wählen, um so dem Rabbinat den Rücken zu kehren. Paradoxerweise müssen sich Paare, die im Ausland geheiratet haben, bei einer Trennung doch wieder an die religiösen Instanzen wenden, und die Scheidung wird dann von den religiösen Institutionen ausgesprochen.

Wir geben uns modern und brüsten uns damit, die einzige Demokratie im Nahen Osten zu sein. Aber der Staat verweigert vielen Liebenden ein grundsätzliches demokratisches Menschenrecht, verankert in der allgemeinen Menschenrechtserklärung der UNO: das Recht, einen geliebten Menschen zu heiraten. Die breite Masse der Israelis steht dieser Ungerechtigkeit scheinbar gleichgültig gegenüber, die meisten beugen sich dem Diktat der Orthodoxie, die in religiösen Dingen das alleinige Sagen hat.

Die LGBT-Gemeinde kämpft seit Jahren mit Erfolg für ihre Rechte. Warum kämpfen wir Säkularen nicht für die unsrigen?

Unsere ältere Tochter und ihr Freund haben sich entschieden, im Ausland zu heiraten und so ein Zeichen zu setzen. Wir unterstützen diese Entscheidung in vollem Umfang.

Monday, March 30, 2015

Wahl-Bekanntschaften

Am 17.3.2015 (Wahltag in Israel) haben wir vorgefeiert, bis abends um 10, zusammen mit unseren Kindern und ihren Partnern, und zwar in Tel Aviv. Doch wir haben uns zu früh gefreut. Kaum wurden die ersten Wahlergebnisse bekannt gegeben, verstummte die quicklebendige und immer laute Stadt. Tel Aviv hatte auf Veränderung gesetzt, sich eine neue Zukunft, einen neuen Weg gewünscht und entsprechend dieser Hoffnung gewählt. Doch wieder war alle Mühe umsonst.

Auf dem Berg der Seligpreisungen.
Seither wurde viel geschrieben und geredet. Warum hat der israelische Wähler entgegen allen Erwartungen Nethanyahu wiedergewählt? Wie konnte das Unmögliche möglich werden? Und das zum wiederholten Mal? In meinem eher links denkenden Umfeld hatten doch alle Herzog (d.h. das zionistische Lager alias Arbeiterpartei) gewählt. Oder die anti-religiöse menschenrechtsbewegte Meretz. Oder die Zentrumspartei.

Ich bin mit einer Gruppe deutscher Touristen im Land unterwegs und blicke prüfend in die Gesichter der Leute, die uns begegnen. Wer hat Likud gewählt? Wer die Nationalisten? Oder gar die Ultras? Langsam entdecke ich sie, all die Anhänger derjenigen, die jetzt entgegen unseren eigenen Erwartungen und Hoffnungen wieder die Regierung bilden.

Eine ältere Freundin erklärt mir, warum sie sich für die Siedlerpartei von Naftali Bennett entschieden hat. „Als Kind in Afrika wurde ich mit Steinen beworfen, weil ich Jüdin war. Was wussten diese Kinder über Juden? Jetzt bin ich hier in meinem eigenen Land. Palästinenser? Wenn sie den Hass auf die Juden aus ihren Schulbüchern entfernen, dann sprechen wir mit ihnen. Vorher nicht. Erst müssen sie sich ändern.“ Mit ihr diskutieren ist unmöglich, wir schreien uns nur an. Zu groß, zu unüberbrückbar die politische Kluft, die uns trennt. Weil wir unsere Freundschaft hoch halten, umschiffen wir konsequent die Klippen der Politik und unterhalten uns lieber über andere Dinge.

Im Taxi serviert mir der Fahrer einen 10-minütigen Monolog ohne Punkt und Komma. „Was haben diese Linken auf der Demo in Tel Aviv gesagt? Sie finden alle Mesusaküsser* blöd? Ich gehöre auch zu denen, und meine ganze Familie, und wir alle wählen Likud, wir haben immer Likud gewählt, und diese linken Aschkenasen (europäischen Juden) sind Rassisten, die machen uns das Land kaputt. Und die Medien beherrschen sie auch. Und überhaupt. Viele von denen arbeiten nicht mal, die leben auf Kosten der Nationalversicherung und lassen sich mit ihren Kindern in meinem Taxi zum Kindergarten kutschieren. Glaub mir, ich kenne sie alle. Für mich ist Nethanyahu der König, und einen König setzt man nicht ab."
(* Die Mesusa ist eine Kapsel am Türrahmen, die eine kleine Schriftrolle mit Bibelversen enthält und dem Haus Segen bringen soll. Viele religiöse Juden küssen beim Betreten des Hauses die Mesusa.)

Im Hotel in Tiberias erklärt mir der fromme Mann, der im Namen der Religion darauf achtet, dass die Küche gemäß den jüdischen Speisevorschriften geführt wird, warum er seinen Stimmzettel der religiös-sephardischen Schas-Partei gibt: „Die Juden wurden immer gehasst. Deshalb können wir uns nur auf uns selbst verlassen. Weißt du eigentlich, was Sinai bedeutet, der Name des Bergs, wo das Volk Israel die Tora erhalten hat? Sinai, das kommt von sin’a – Hass. Seit wir die Thora erhalten haben, hassen uns alle Völker.“  „Tut mir Leid“, entgegne ich ihm, „mein Hebräisch ist zwar nicht perfekt, aber mit sin’a – Hass − hat Sinai rein gar nichts zu tun, da hat dir jemand einen schönen Floh ins Ohr gesetzt.“   

Unser junger Nachbar überlegt, ob er für die Siedlerpartei stimmen soll (und damit gegen die Araber und die Zweistaatenlösung) oder für eine der Zentrumsparteien, die die Hoffnung schüren, dass es für die Jungen wirtschaftlich bald aufwärts geht. Ich kenne ihn als jemanden, der vor allem von Angst getrieben wird: Angst vor den Arabern, Angst vor Einbrechern, Angst vor unserem Kater – für Nethanyahu, der seine Wählerschaft mit der Angst vor allem Möglichen mobilisiert, das ideale Opfer. Es würde mich nicht wundern, wenn der junge Mann im letzten Moment Likud gewählt hat. Schließlich geht auch das als Stimme gegen die Araber.

In Kapernaum treffe ich Dalia, eine Kollegin, die eine Gruppe portugiesischer Pilger herumführt. Wir sind uns einig: Diese Wahlen sind eine Katastrophe und bringen uns rein gar nichts Gutes. Ich spreche mit Orly, mit Sigal, mit Daniel, mit meiner Familie, Freunden, Bekannten. Alle haben fürs Mitte-Links-Lager gestimmt. Ein tiefer Riss geht durch die israelische Gesellschaft, die Linken hassen die Rechten, die Rechten hassen die Linken und die Araber dazu.

Als wäre nichts passiert......
Am Tag nach den Wahlen habe ich von morgens bis abends geweint, über die Dummheit der israelischen Wählerinnen und Wähler, über verlorene Hoffnungen, über ausgeträumte Träume.

Meine Tochter teilt mir mit, dass sie und ihr Partner ihr Heil im Ausland suchen wollen.

Die Kronwucherblumen blenden mit ihrer gelben Pracht, die Störche lassen sich von den Aufwinden in die Höhe tragen und ziehen nach Europa, die Amseln bauen ihre Nester. Es ist Frühling. Und das Leben geht weiter. Als wäre nichts passiert.



Wednesday, February 4, 2015

I have a dream – ich habe einen Traum

Gedanken zu den bevorstehenden Wahlen in Israel am 17.3.2015


I have a dream
Im Jahre 1963 hielt der Menschenrechtler Martin Luther King seine berühmte Rede, in der er seine Visionen zusammenfasste. I have a dream – mit diesen Worten stellte er seine Grundsätze einer egalitären zivilen Gesellschaft vor. Vom visionären Inhalt einmal abgesehen, ist diese Rede auch ein rhetorisches Kunststück.

Auch ich habe meine Träume für unser kleines geplagtes Land.


Ich träume von einer israelischen Regierung, die die Gemeinsamkeiten aller Bürger hervorhebt.
Heute haben wir eine Regierung, die den Rassismus und die Unterschiede schürt.
Wir alle lieben Hummus (Kichererbsenpüree, eine arabische Spezialität) und benutzen im Hebräischen u.a. arabische Ausdrücke wie alha kefak (prima), sababa (wunderbar) und mabsut (zufrieden). Arabische Trödlersammler ziehen durch israelische Städte und rufen "all-te-Sa-chähn" (alte Sachen), ein von den Jiddisch sprechenden osteuropäischen Juden vor vielen Jahren  mitgebrachte Bezeichnung für Trödel. Nicht nur gehören etliche arabische Wörter zum Alltagshebräisch, auch viele hebräische Vokabeln haben sich ins palästinensische Arabisch eingeschlichen.

Ich träume von einer israelischen Regierung, die die Koexistenz fördert.
Heute haben wir eine Regierung, die die Angst schürt.
Wir leben in EINEM Land zusammen (gemeint ist das Kernland Israels, ohne Westjordanland oder Gazastreifen), und werden es voraussichtlich noch lange tun, 80% Juden, 20% Araber. Es gibt Ansätze von Begegnungen, Dialogen, kulturellem Austausch, Sportanlässen, gemeinsamer Begabtenförderung, aber noch immer wird viel zu wenig für unsere Koexistenz getan und in zu geringem Umfang.

Ich träume von einer israelischen Regierung, die Zukunftsvisionen hat.
Heute haben wir eine Regierung, die die bestehenden Konflikte verwaltet, mehr nicht.
Es gibt viele Vorschläge für eine Lösung des gordischen Knotens namens Nahostkonflikt, von der Genfer Initiative bis zum saudiarabischen Vorstoß, Vorschläge von amerikanischer und europäischer Seite. Die Pferde wurden zur Tränke geführt, die Zeit ist reif, jetzt geht’s ans Trinken.

Ich träume von einer Regierung, die in Bildung und Gesundheit investiert.
Heute haben wir eine Regierung, die riesige Beträge in die Siedlungen steckt.
Ein gutes Bildungswesen ist eine Investition in unsere Zukunft, in die Zukunft der Juden, Muslime und Christen in diesem Land, für alle gemeinsam. Es ist kontraproduktiv, in jüdische Siedlungen zu investieren, auch wenn die messianischen Ideologen gegenteiliger Meinung sind.

 L’état c’est moi.
Ich träume von einer Regierung, die sich den Bürgern verpflichtet fühlt.
Heute haben wir eine Regierung, die immer mehr in Vetternwirtschaft und Korruptionsaffären verwickelt ist.
Besetzung, Kolonialisierung und Machtausübung über lange Zeiträume korrumpieren. Ein Skandal löst den anderen ab, ehemalige Führungskräfte treffen sich im Gericht und später im Gefängnis. Ein König, nur sich selbst verpflichtet, sagte vor mehr als 300 Jahren: L’état c’est moi. Zwei Generationen später brach die Französische Revolution aus. Politische Prozesse geschehen heute viel schneller.

Ich träume von einer Regierung, die sich fragt, wie man es besser machen kann.
Heute haben wir eine Regierung, die die Schuld an allem immer bei anderen sucht.
Diese Regierung hetzt, gegen den Palästinenserpräsidenten Abbas, gegen die israelische Linke, gegen alle, die eine andere Meinung haben. Noch fühle ich mich nicht bedroht. Im letzten Sommer, als wir gegen den Gazakrieg demonstrierten, mussten wir jedoch von der Polizei geschützt werden gegen die aufgehetzten Massen.

Die letzte Umfrage, 6 Wochen vor den Wahlen, deutet auf einen kleinen Vorsprung der Likudpartei von Benjamin Netanjahu gegenüber der Arbeiterpartei von Itzhak Herzog und Zipi Livni hin. Also weitere Jahre voller Kleinkriege, die uns nicht weiterbringen, eine Fortsetzung des Siedlungsausbaus im Westjordanland, der Korruption, des Rassismus und der Hoffnungslosigkeit?

Israel ist nicht allein für die Krisen im Nahen Osten verantwortlich. Die arabische Welt befindet sich im Umbruch, sie wird geschüttelt von einer tiefen Krise, die immer wieder in brutalen Gewaltsausbrüchen gipfelt. Ich jedoch lebe in der israelischen Gesellschaft. Mein Traum ist es, dass diese Gesellschaft sich wandelt, dass sie einen Schritt in die richtige Richtung tut.

Ich habe einen Traum. Lasst uns gemeinsam träumen. 
Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist. (David Ben Gurion).
Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.