Tuesday, April 22, 2014

Ihre Heiligkeit Jerusalem - Gedanken zu Pessach und Ostern in Jerusalem

Gebet am Schabbatmorgen 
Eine erste vorsommerliche Hitzewelle überrollt Jerusalem in der Karwoche 2014, gemessen werden Temperaturen von über 30°C. Die Altstadt, dieser religiöse Nabel der monotheistischen Welt, wird in dieser Woche jedoch von einer noch viel hitzigeren Welle überrollt, der Hitze des religiösen Wahns. In den engen Gassen des orientalischen Basars, im muslimischen, im christlichen und im jüdischen Viertel, drängen sich die Massen.

Die Juden eilen zur Klagemauer mit ihrem großen Vorplatz, um während der Pessachwoche den Priestersegen zu erhalten (Donnerstag), den Shabbat zu empfangen (Freitagabend) oder auch nur an diesem heiligsten Ort der Juden zu beten (Schabbat) – dort, wo die Zerstörung des Tempels beklagt wird.

Pilger aus Afrika auf dem Weg zur Grabeskirche
Christen aller Konfessionen und Nationen schieben und stoßen sich klagend den Kreuzweg entlang, mitten durch den orientalischen Basar – hin zur Grabeskirche. Sie drängen sich auf dem kleinen Vorplatz, jeder versucht sich durch den einzigen kleinen Ein- und Ausgang zu zwängen, der die Massen nicht mehr aufnehmen kann. Von Karfreitag bis Ostern wird dort drei geschlagene Tage der Kreuzigung, des Heiligen Feuers und der Auferstehung gedacht. Den ansäßigen arabischen Christen, den Pilgern aus Europa, Asien, Afrika und Amerika, bewaffnet mit Kreuzen, Kerzen und Klappstühlen, steht die Erschöpfung vom stundenlangen Anstehen und Vorwärtsdrängen ins Gesicht geschrieben. Überall liegt Müll, selbst im Innern der Kirche, diesem heiligsten Ort der Christenheit – Orthodoxe, Katholiken, Kopten und Armenier feiern in diesem Jahre alle gleichzeitig, dummerweise.

Unterwegs zu Heiligen Stätten
Am Freitag Morgen strömen die Muslime in großer Zahl zum wöchentlichen Gebet auf dem Tempelberg. Aus Sicherheitsgründen sind nur Männer ab 50 zugelassen, Frauen haben unbeschränkt Zugang. Am Schnittpunkt zwischen dem Kreuzweg und den Aufgängen zum Tempelberg, wo Christen und Muslime aufeinandertreffen, knistert die Luft vor Spannung. Eine alte Muslimin, erschöpft von Hitze und Gedränge, schreit auf die Polizei ein. Ich verstehe nur das eine Wort: "Jude". Doch ist das zu kurz gegriffen: Schuld an dem Gedränge sind nicht die Juden allein, schuld sind all diese Menschen, die der Jerusalemer Heiligkeit wegen die Altstadt überschwemmen.

Die Polizei hat ein Riesenaufgebot organisiert, es ist Jahre her, dass ich so viele Sicherheitskräfte in der Altstadt gesehen habe. Reichlich ausgerüstet, hervorragend strukturiert und bestens organisiert halten sie die Massen von Pilgern und Betenden in Schach, die sich durch die Gassen wälzen, errichten Straßensperren, halten die Pilger auf, damit sie sich im Gedränge nicht gegenseitig erdrücken. Gedanken an tragisch endende Fußballspiele oder an die Love Parade 2010 in Duisburg werden wach.

Ein Dankeschön für die gute Arbeit
Am Ostersonntag öffnet sich ein Ventil dieses Pulverfasses, auf dem Tempelberg, wo sich Palästinenser und israelische Sicherheitskräfte richtiggehende Schlachten liefern und die europäischen Medien einmal mehr melden: "Dutzende Verletzte auf dem Tempelberg". Wieder wird diese multikulturelle, vielschichtige Gesellschaft, die hier aufeinanderprallt, über den allzu einfachen Nenner des israelisch-palästinensischen Konfliktes definiert. Auch das: zu kurz gegriffen.

Prozession der griechisch-orthodoxen
Gemeinde durch den Bazar
Jerusalem, Ihre Heiligkeit. Alle feiern hier die Heiligkeit Jerusalems, die Juden und die Araber, die hier leben, und dazu die vielen Pilger – Juden, Christen und Muslime –, die sich in diesen Wochen zur einheimischen Bevölkerung gesellen.

Doch heilige Arbeit geleistet haben hier vor allem die Sicherheitskräfte. Ohne sie hätten diese heiligen Tage in einer Katastrophe geendet. Leider muss ich eingestehen, daß meine Reiseteilnehmer trotz aller Vorsichtsmaßnahmen und trotz des ausgeklügelten Einsatzplans der Polizei am Freitagabend nach der  Grablegungsfeier in der heiligen Stätte der Christen einer echten Gefahr ausgesetzt waren – als nämlich die Masse der Pilger, wie aus der Kanone geschossen, die Grabeskirche erstürmte. Den Göttern sei gedankt, daß nichts passiert ist. 

Sunday, February 16, 2014

5 Bemerkungen zur Situation

Im hebräischen Sprachgebrauch wird das Wort "Matzav" häufig gebraucht. Matzav heisst soviel wie "Situation" und beschreibt oft recht unangenehme Vorfälle, und deren gibt es viele, von wirtschaftlichen Schwierigkeiten über Korruption bis zu bewaffneten Zwischenfällen. In der Tageszeitung Ha‘aretz gibt es eine Kolumne mit dem obigen Titel.

Hier 5 Bemerkungen zum Matzav, zur Situation:

1. Vor nicht langer Zeit ist der ehemalige Ministerpräsident Ariel Sharon nach 8 Jahren komatöser Krankenhauspflege, nach mehreren Operationen und vielfältigen medizinischen Untersuchungen gestorben. Finanziert hat das Ganze der Staat, mit unseren Steuergeldern. Krankenhausaufenthalte sind nie angenehm, schon gar nicht in Israel, wo die Krankenhäuser sicher nicht an mitteleuropäische Standards heranreichen. Die medizinische Betreuung ist gut, aber wehe, man möchte einen Arzt sprechen. Die rennen alle von der Notaufnahme zur Abteilung und von dort zu einer Operation, keiner ist ansprechbar. Und wie steht es mit der Pflege? Auch hier wird gespart – für nichtmedizinische Pflege sind die Verwandten zuständig. Da fehlt das Geld, und es ist selbstverständlich, dass die Bürger einspringen.
Dazu eine OECD Statistik: Anzahl KrankenpflegerInnen pro 1000 Einwohner: Deutschland 11.4, Schweiz 16.6, Israel 4.8.

2. In israelischen Schulen werden bis zu 40 (!), ja, richtig gelesen: 40 Schüler in einer Klasse unterrichtet. Man spricht von Computern, modernen Unterrichtsmethoden, aber was ist mit kleineren Klassen? Davon habe ich noch nie gehört. Da fehlt das Geld. Und auch hier ist es selbstverständlich, dass die Eltern die Zusatzausbildung für ihre Kinder selbst finanzieren, weil man in den grossen Klassen nicht viel lernen kann.

3. Der öffentliche Verkehr wird vielerorts subventioniert. Zum neuen Jahr wurden die Tarife des öffentlichen Verkehrs erhöht, soll heißen: Der Staat zahlt weniger, die Bürger mehr. Seit neuestem kostet nun eine Stadtfahrt NIS 6.90, umgerechnet Fr. 1.60. Eigentlich billig, oder nicht? Aber: Wer in Israel fährt Bus? Alte Menschen, Schüler oder Niedriglohnempfänger. Der Mindeststundenlohn in Israel beträgt 23 NIS, damit kostet eine Busfahrt 30% des Mindeststundenlohns. In der Schweiz zahlt man üblicherweise ca. 15% des Mindeststundenlohns für eine Stadtfahrt. Auch hier fehlt es an Geld.
Nördlich von Jerusalem - Stadtbild mit Mauer

4. Im Dezember 2013 habe ich an einer Exkursion der NGO Ir Amim im Norden Jerusalems teilgenommen. Ir Amim setzt sich für ein "gerechtes und stabiles Jerusalem mit einer gemeinsam ausgehandelten politischen Zukunft" ein. Wir haben die verschiedenen jüdischen Stadtviertel und Siedlungen, die palästinensischen Stadtviertel und Flüchtlingslager, die Mauern, die Zäune und die dazugehörigen Umgehungsstraßen, diese ganze verschandelte Landschaft von verschiedenen Aussichtspunkten aus betrachtet und die dazugehörigen Karten studiert. Man muss es schon gesehen haben, um es überhaupt zu glauben, aber sicher ist nur eines: Es werden Unmengen von Geld verschleudert, vorgeblich, um die Stadt Jerusalem zu vereinigen... De facto jedoch wird die Stadt gerade in kleinste Einheiten zerstückelt.

5. Vor kurzem lernte ich den Verwalter eines Gemeindekulturzentrums von Jerusalem kennen. Er ist Israeli und Jude, arbeitet aber im arabischen Teil von Ostjerusalem – in Stadtvierteln, die zum Stadtgebiet von Jerusalem gehören, aber außerhalb der Mauer liegen, also vom Stadtzentrum abgeschnitten sind. Er leistet dort eine Menge, damit junge Palästinenser Fußball spielen oder Frauen sich im Kulturzentrum treffen können. Als ich wieder zu Hause war, habe ich mir seine Visitenkarte noch einmal genauer angesehen. Eine grafisch ansprechend gestaltete Karte mit dem Marketing-Slogan: "inside the city, outside the fence". Ein guter Spruch, ja sogar sehr clever (und ich verstehe einiges davon, schließlich habe ich 20 Jahre in der Unternehmenskommunikation gearbeitet). Irgendjemand hat auch das finanziert, weil es wichtig ist, dass die Jerusalemer Mauer richtig vermarktet wird.


Was tun wir, um die Situation zu ändern? So wenig, wie die meisten anderen Bürger auch. Man redet viel und tut herzlich wenig. In diesem Zusammenhang denke ich auch an ein Gespräch, das ich vor wenigen Wochen mit einer Schweizer Freundin, die ebenfalls seit vielen Jahren in Israel lebt, führte. Sie hat 4 militärpflichtige Söhne. Wir sprachen über die "bewusste Verdrängung" der Situation, die vielen Ungerechtigkeiten, die falsch gesetzten Prioritäten, die Dummheit der Politiker, die immer neuen Spitzfindigkeiten der Gesetzgebung. Einerseits gehen wir mit offenen Augen und ganz bewusst durch die Welt, andererseits ist diese Realität häufig so schmerzhaft, dass wir sie verdrängen. Und wenn 4 Söhne Militärpflicht leisten, ist das mit Sicherheit ein guter Grund, um die Situation zu verdrängen.

Monday, January 27, 2014

68 Jahre danach - die langen Schatten des Holocaust

Familie Nordenberg, Plonsk, ca. 1929. Zwei Mädchen
durften auswandern und haben überlebt.
Meine Schwiegereltern wanderten 1935 als ganz junge Menschen von Polen nach Palästina aus. Die Britische Mandatsverwaltung in Palästina stellte ihnen ein “Zertifikat” aus, eine Einwanderungsbewilligung. Ihre Eltern und Geschwister haben sie nie wieder gesehen; kein einziger von ihnen hat die Verfolgung und die industrielle Vernichtung der Nazis überlebt. Überlebt haben lediglich einige entfernte Verwandte, die sich nach und nach mühselig wieder ein normales Leben aufbauten. Dies ist der familiäre Hintergrund meines Lebenspartners, der wenige Jahre nach Kriegsende geboren wurde.

Ich dagegen bin in der Schweiz geboren und aufgewachsen, meine Familienwurzeln im Kanton Bern reichen jahrhundertelang zurück.

Kennengelernt haben wir uns 1978, und seither lebe ich in Israel. Aus verschiedenen Gründen bin ich zum Judentum konvertiert, damit sind unsere drei Kinder nach Gesetz und Brauch ebenfalls Juden.

Viele unserer gleichaltrigen Freunde sind Kinder von KZ-Überlebenden oder rechtzeitig Ausgewanderten, und in den letzten 35 Jahren konnte ich die vielschichtigen Aspekte der Verfolgung auch in der Nachkriegsgeneration aus nächster Nähe beobachten. Auch nach 70 Jahren kann das Grauenhafte nicht einfach unter den Teppich gekehrt werden; es lebt nicht nur in der direkt betroffenen Generation weiter, sondern auch in der Folgegeneration, die heute 50, 60 oder 65 Jahre alt ist – in vermindertem Maße zwar, doch allgegenwärtig und deutlich spürbar. Auch die israelische Politik unter Ministerpräsident Nethanyahu ist stark davon geprägt. Die Schatten von 6 Millionen Toten sind sehr lang. Anders ist das jedoch bei der nächsten Generation, unseren Kindern.

Viele israelische Gymnasiasten, besonders diejenigen mit europäischen Wurzeln, nehmen an einer Reise nach Polen teil, die die Schüler auf die Spuren ihrer Vergangenheit zu den Ghettos, den Vernichtungslagern und den Friedhöfen führt. Auch unsere drei Kindern haben an einer solchen Reise teilgenommen. Sie wurden in vielstündigen Arbeitsseminaren darauf vorbereitet und mussten sich mit unterschiedlichsten Aspekten von Verfolgung und Humanität, Krieg und Frieden auseinander setzen. Bei jedem von den Dreien hatte ich nach der Reise den Eindruck, die Generation unserer Kinder hat eine größere emotionale Distanz zum Holocaust – eine Distanz, die die erste Nachkriegsgeneration nicht haben konnte, weil sie allzu direkt betroffen war. Insgesamt werte ich das als positives Zeichen. Die Zeit heilt bekanntlich Wunden, damit werden auch die Schatten des Holocaust langsam kürzer. So wird die israelische Politik vielleicht in absehbarer Zukunft, wenn diese nächste Generation das Schicksal des Staates lenken wird, weniger traumatisiert und pragmatischer geprägt sein.

Vor der Polenreise wurden wir Eltern gebeten, unseren Kindern einen Brief zu schreiben, der ihnen während der Reise ausgehändigt werden sollte. Untenstehend ist ein leicht gekürzter Brief, den ich meinen Kindern jeweils mitgegeben habe (2004, 2006, 2010).

Lieber J., liebe A., liebe T.,
Diesen Brief wirst Du in Polen lesen, auf einer Reise, die vielleicht die schwierigste Deines Lebens sein wird. Du wirst von einem Friedhof zum anderen fahren, von den Überresten der jüdischen Ghettos zu den Vernichtungslagern, Orte, an denen eines der schrecklichsten Verbrechen an Menschen begangen wurden, nur weil sie einer gewissen Gruppe Menschen angehörte, DEINEM Volk. Ich sage hier “Deinem Volk”, weil ich als Christin aufgewachsen bin, und vom Trauma der Familie Deines Vaters, Deiner Grosseltern, Deines Onkels und aller anderen aus Europa stammenden Juden nicht betroffen war. Sosehr ich mich heute mit Israel identifiziere, und mich als zugehörig ansehe, in diesem Falle bin ich ein Aussenseiter, weil meine Familie nicht von den Nazis verfolgt wurde. Mein Volk hat im Gegenteil sogar herzlich wenig dazu beigetragen, den Verfolgten zu helfen; das ist die traurige, aber aufrichtige Wahrheit, die zu schreiben mir nicht leicht fällt. Ich werde nie verstehen können, was es bedeutet, mit dem Trauma von Pogromen, Verfolgung und gezielter Vernichtung zu leben. Wenn Dein Vater darüber nachdenkt, ob es “sicher” ist, nach Südfrankreich zu fahren, weil es dort viele Araber und Antisemitismus gibt, kann ich diese Bedenken emotional nicht nachvollziehen, glaube jedoch, die Wurzeln dieser Ängste zu erkennen – eben gerade in dieser zwar nicht direkt, aber doch indirekt erlebten Verfolgung. So tief sitzt die Angst vor Verfolgung, auch in der ersten in Israel geborenen Generation.
 
Suchanzeige für Esther Nordenberg,
ausgestellt von der überlebenden
Familie in Israel
Du unternimmst eine Reise, zu der ich nie den Mut hatte. Du besuchst das Land deiner Vorväter, wo sie während Generationen gelebt haben und eine reiche und ganz besondere Kultur errichtet haben, die von den Nazis und ihren Handlangern vollständig vernichtet wurde. Die Überreste davon werden von uns modernen, freiheitlichen und säkularen Israelis vielfach belächelt, es ist in einem modernen demokratischen Staat nicht “in”, orthodoxer Jude zu sein, das hat keinen Platz in unserer modernen Gesellschaft.

Ich möchte, dass Du von dieser Reise Folgendes lernst
  • Ehre die Kultur Deiner polnischen Vorväter. Du stammst von zwei verschiedenen Völkern ab, und es ist wichtig, dass du beide ehrst. Oft scheint es einfacher, Deine Schweizer Kultur zu ehren, sie ist weit weg, sie bedeutet Sommerferien oder Skifahren, sie bringt keine traumatischen Erfahrungen mit sich wie diejenigen der europäischen Juden, und deshalb erscheint sie oft verständlicher. Ich hoffe, dass Dir die Teilnahme an dieser Reise die Augen öffnen wird für eine untergegangene, aber reiche und interessante Kultur und auch für das Leid, das dieser Teil Deiner Familie durchleben musste und muss. Diese Reise soll Dich lehren, die Toten zu ehren, noch mehr jedoch, die Überlebenden zu respektieren, diejenigen, die Schreckliches erlebt haben und sich trotz allem entschlossen haben, einen Neuanfang zu machen, die geheiratet und Familien gegründet, eine neue Sprache erlernt und ein neues Land aufgebaut haben, allen Unannehmlichkeiten im Nahen Osten zum Trotz.
  • Hasse einen Menschen niemals, weil er einer gewissen Gruppe angehört. Der Holocaust und andere rassistische Verfolgungen konnten und können nur durchgeführt werden, weil Menschen ihre Mitmenschen als “einer anderen Gruppe zugehörig“ angesehen haben und ansehen. Ich möchte nicht, dass Du von dieser Reise zurückkommst und diejenigen hasst, die die schrecklichsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit durchgeführt haben. Auch dieser Hass wäre nämlich eine Art Rassismus. Du bist eine Generation weiter von diesen unerträglichen Greueln entfernt, und deswegen ist es für Dich schon einfacher. Vielleicht reichen die langen Schatten der Toten und Überlebenden inzwischen nicht mehr ganz so weit. Dein Vater und ich haben versucht, Dir humanitäre Werte, Verständnis und Toleranz für andere Kulturen mitzugeben – Werte, die das Fundament unseres gemeinsamen Lebens bilden, Werte, ohne die unsere Ehe keinen Bestand hätte. Unsere Welten sind zu verschieden, und es waren viel Toleranz und gegenseitige Akzeptanz nötig, um die Verschiedenheiten zu überbrücken.
  • Öffne Deine Augen für das Leid der Anderen. Dies ist ein Wunsch, den ich Dir auf diese Reise mitgebe. Im Vorbereitungsseminar haben Du und Deine Mitschüler bereits bewiesen, dass Ihr die Welt mit offenen Augen seht. Den Brief, den Ihr Ministerpräsident Ariel Sharon geschrieben habt*, hat mich beeindruckt, da er zeigt, dass Ihr Eure Augen nicht einfach vor dem Leid Anderer verschließt. Wir können nicht alles ändern, aber wir können vieles in unserem kleinen Wirkungskreis ändern – und manchmal auch im größeren Rahmen.


Ich liebe und umarme Dich,
Ima (das hebräische Wort für Mami)


* Im Fr
ühling Jahre 2004, im Rahmen des Vorbereitungsseminars, haben die Schüler des Gymnasiums, als die Vergasung politischer Häftlinge in Nordkorea publik wurde, einen Brief an den israelischen Ministerpräsident mit der Aufforderung, bei der nordkoreanischen Regierung Protest gegen dieses Vorgehen einzulegen.

Sunday, December 29, 2013

Es weihnachtet (nicht) sehr – der ganz gewöhnliche Alltag des 25. Dezember

Am Weihnachtstag fuhr ich nach Jerusalem, auf der Suche nach Weihnachten. Israel's christlich-arabische Bevölkerung bildet eine kleine Minderheit (weniger als 2%) der israelischen Gesamtbevölkerung, und konzentriert sich auf wenige Orte: Nazareth, Haifa, vereinzelte Dörfer iמ Galiläa, Jaffa und eben Jerusalem. Früh morgens fuhr ich mit dem Linienbus ab Nethania, 100 km bis nach Jerusalem, im israelischen Verkehrsalbtraum, 2 1/2 Stunden. Für die vorwiegend jüdische Bevölkerung des Heiligen Landes ist der 25. Dezember ein gewöhnlicher Arbeitstag, im Judentum gibt es keine Weihnacht.

Beim Damaskustor

Das Damaskustor bildet den nordwestlichen Eingang der Jerusalemer Altstadt, und verbindet die arabische Neustadt mit dem muslimischen Viertel der Altstadt.

Auch hier – Alltagsleben, der orientalische Markt (hier Schuk genannt) ist geöffnet. Verschleierte Mütter kaufen ein, ein junges arabisches Paar und Jeshiwastudenten flanieren durch die engen Gässchen. Und doch, ein Anzeichen von Weihnachten, eine junge Frau mit einer Samichlausmütze (auf gut Deutsch ist Samichlaus der Nikolaus, aber ich liebe diesen schweizerischen Ausdruck, verzeiht mir). Auch Muslime feiern nicht Weihnachten.















Das Neue Tor und das Christenviertel
Ein wunderschöner grosser Weihnachtsbaum am Eingang zum Christenviertel, und auch der kletternde Samichlaus fehlt nicht, der mich immer an einen Gehenkten erinnert.
Ich habe eine ganze Liste von Weihnachtsmessen erstellt, wir versuchen den Eintritt zur ersten Messe, in der griechisch-katholischen* Kirche. Nebst den religiösen Würdeträgern ist die Kirche beinahe leer. Wir werden höflich gebeten, die Kirche zu verlassen, eben weil Feiertag ist. Ein Grossteil des christlichen Viertels vesteckt sich hinter hohen Mauern – das Lateinische Patriarchat, die Verwaltung der Heiligen Orte (Custodia della Terra Santa), das Griechisch-Orthodoxe, das Griechisch-Katholische Patriarchat, und weitere Institutionen. Letzte Überreste des grössten Schnees seit Menschengedenken vor 10 Tagen erinnern uns mehr an eine weisse Weihnacht als diese hohen Mauern, die, vielleicht, eine Weihnacht verbergen.


Die Via Dolorosa

Die Touristenströme durch die Via Dolorosa, die Leidensgeschichte Jesu thematisierend, gehen unbeirrt weiter, als sei heute nicht Weihnachten. Auch das Kreuz wird weiterhin durch die Gassen geschleppt. Aber.....für diese orthodoxe Gruppe aus der Ukraine ist heute gar nicht Weihnachten; nach dem Julianischen Kalender wird erst am 7. Januar gefeiert. Heute also "Business as usual", auf dem Reiseprogramm steht die Via Dolorosa.








Die Grabeskirche
Kein einziger Weihnachtsschmuck, nichts, aber auch gar nichts, das an eine Weihnacht erinnert. Die Kirche, die sich sechs verschiedene Konfessionen teilen, ist nur zum kleinen Teil katholisch, aber selbst dort gibt es keinen Weihnachtsschmuck. In einer Ecke sitzt eine alte griechisch-orthodoxe Nonne, in ein Buch vertieft. Auch ihre Weihnacht ist erst am 7. Januar.



Westjerusalem - die jüdische Stadt
Auch hier herrscht Alltag, auf dem Machane Jehuda Markt kaufen die Menschen geschäftig ein, ab und zu wird ein Schwätzchen gehalten.






 Doch Weihnachten?
Auf der Rückfahrt zur Küste lese ich in der israelischen Tageszeitung Haaretz, dass eine israelische Firma eine "Handy App" für Weihnachten entwickelt hat. Kinder helfen Samichlaus, der im Kamin steckengeblieben ist, sich zu befreien, damit der seine Geschenke verteilen kann.

Im Süden von Tel Aviv, in der Nähe des zentralen Busbahnhofs, wo FremdarbeiterInnen aus den Philippinen und Flüchlinge aus Afrika leben, gibt es jede Menge Weihnachtskitsch zu kaufen. Tel Aviv, die jüdische Stadt, verbreitet mehr Weihnachtsambiente als Jerusalem. 
Doch, etwas Weihnachten gab es in der Altstadt von Jerusalem, am 25. Dezember waren dort viele Philippininnen unterwegs. Sie betreuen die alte Bevölkerung Israels und leisten sich zu Weihnachten einen freien Tag, den sie zum Einkaufen benutzen. Sie haben Weihnachten gefeiert, auf ihre Art. Die Betreuerin meines Schwiegervaters hat Goldschmuck gekauft und einen ganzen Monatslohn dafür bezahlt. Einmal im Jahr, hat sie verschmitzt gesagt.

Frohe Weihnachten und Frieden auf Erden.

* In Israel und im Nahen Osten gibt es mindestens 15 christliche Konfessionen, aufgegliedert in orthodoxe, orientalisch-orthodoxe, katholische und evangelische Kirchen. Die griechisch-katholische Kirche, auch als Melkitische Kirche bekannt, wurde offiziell im Jahre 1724 gegründet. Die Ligurgie folgt weiterhin der orthodox-byzantinischen, jedoch etwas abgekürzten Tradition, es wurden jedoch auch einige katholische Elemente in die Kirche aufgenommen. Die Kirche untersteht direkt dem Papst in Rom. 50% der chrislichen Araber in Israel sind Mitglieder der Melkitischen Kirche.

Tuesday, December 17, 2013

Gottesstrafe – Gottesgnade

Die ersten Dezembertage. Eine Wanderung mit meinen Kindern am Meer entlang, bei Temperaturen, die zu Baden einladen. Seit Wochen ist es viel zu warm, häufig 28°C am Tag, nachts "angenehm kühl", vielleicht 16°C.


Wanderung am Meer, anfangs Dezember 2013
Das jüdische Morgengebet preist Gott im Sommer dafür, dass ER Tau herablässt, und im  Winter dafür, dass ER den Wind wehen und den Regen fallen lässt. Man schliesst also Sommerregen aus, das gibt es gar nicht. Diese Gebete richten sich nach den jüdischen Feiertagen*. 2013 hat die Bitte nach Regen Ende September begonnen. Oktober und November sind durchs Land gezogen – ohne Regen. Ach doch, einmal hat es eine einzige Nacht geregnet, und vereinzelt spriesst neues, zartes Grün aus dem verdorrten vorjährigen Dornengestrüpp. Ansonsten – ein Sonnentag reiht sich an den nächsten.

Palmen im Schnee, Jerusalem,
Mitte Dezember 2013
Mitte Dezember. Jerusalem ist seit Tagen eingeschneit, der ungewöhnlich frühe Wintersturm ist das einzige Thema in den Nachrichten. Millionen syrischer Flüchtlinge leiden in ihren Notunterkünften, der Gazastreifen hat Hochwasser, Menschen in höheren Berglagen, oberhalb 700 m, sind tagelang von der Umwelt abgeschnitten.

Die Region des östlichen Mittelmeeres mit ihren Kleinstaaten ist eine Grenzregion zwischen Mittelmeerklima und Wüste, und das war immer so, die Bibel liefert uns viele Beispiele davon. Die Region ist karg und die Menschen können nur mit genügend Regen überleben. Der fällt jedoch sehr unregelmässig, die typischen Regenmonate sind Dezember, Januar und Februar. Gerade jetzt wurde uns wieder demonstriert, dass eine einzige Wetterfront 30 – 50% des gesamten Jahresdurchschnittes herunterfallen lässt, und das ist dann auch wieder kein Segen.


Dürre und Hungernöte beschreibt uns die Bibel an vielen Stellen:
1. Moses 13, 5: Lot zog mit Abram, hatte auch Schafe, Rinder und Zelte. Und das Land ertrug es nicht, dass sie beeinander blieben.
1. Moses 43, 1: Die Hungersnot aber lastete schwer auf dem Lande. Als sie nun das Korn, das sie aus Aegypten gebracht, aufgegessen hatten, sprach ihr Vater (Jakob) zu ihnen: zieht wieder hin und kauft uns ein wenig Speise.

Auch Schnee wird erwähnt:
Jesaja 55, 10: Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel herabkommt und nicht dahin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt, dass sie fruchtbar wird und sprosst und dem Sämann Samen und dem Essenden Brot gibt, so auch mein Wort, das aus meinem Munde kommt.
Hiob 24, 19: Dürre und Hitze raffen weg die Schneewasser, das Totenreich die, die gesündigt haben.

Hauseingang in Nachlaot, Jerusalem,
 Mitte Dezember 2013 
Regen als Gottesgnade, Dürre als Gottesstrafe, so lehrt uns die Bibel. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass nur eine so ungnädige Region wie die Wüste und ihre Randgebiete, wo Tod und Leben, Dürre und Segen, Sonne und Regen so nahe beieinanderleben, diesen strafenden Gott des Monotheismus hervorbringen konnte.

Die Menschen versuchen jedoch auch, diesen strafenden Gott auszutricksen, heute wie in antiken Zeiten. So haben bereits die Kanaaniter vor mehr als 3000 Jahren, dann die Israeliten, Herodes der Grosse, die Römer und die Araber grossartige Wassersysteme geschaffen, um Wasser für den heissen, regenlosen Sommer zu speichern, und die modernen Staaten der Region haben die riesige Verantwortung, ihre immerzu wachsende Bevölkerung mit Wasser und Nahrung zu versorgen. So wird Meereswasser in grossen Mengen in Trinkwasser verwandelt, jedes Tröpfchen aus den Quellen gefasst und in Röhren abgeleitet, wird Abwasser wiederaufbereitet und als quasi Secondhand Wasser auf die Felder geleitet und zum Bewässern wiederbenutzt.

Die ewig knappen Wasserresourcen sind ein Teil der regionalen Konflikte, könnten aber auch ein Hebel für gegenseitige Zusammenarbeit sein.

Anfänge gibt es. Letzte Woche wurde ein Abkommen zwischen Jordanien, Israel und der Palästensischen Autorität unterzeichnet, unterstützt und finanziert von der Weltbank. Geplant ist eine Wasserröhre vom Roten bis zum Toten Meer. Es geht um die Errettung des Toten Meeres, um das Herstellen von Trinkwasser, aber auch um regionale Zusammenarbeit.


* Der jüdische Kalender ist eine Kombination von Mond- und Sonnenjahr. Der Monat beginnt jeweils bei Neumond, wie der muslimische Monat auch. Das 12-monatige Mondjahr ist jedoch nur 354 Tage lang. Im jüdischen Kalender werden jeweils während 19 Jahren 7 Schaltmonate eingeschaltet, also alle 3-4 Jahre ein zusätzlicher Monat. Nach 19 Jahren ist der jüdische Kalender wieder mit dem Sonnenjahr gleich. Die jüdischen Feiertage richten sich nämlich nach dem landwirtschaftlichen Zyklus des östlichen Mittelmeerraumes, und dank dieser Korrektur fallen sie dann immer in die gleiche Jahreszeit.  Der Islam richtet sich nur nach dem Mond, so dass die Feiertage rings ums Jahr "wandern". 

Saturday, December 7, 2013

Warten auf Nelson Mandela

Die Welt trauert um Nelson Mandela. Die Zeitungen sind voll von Bildern des gutaussehenden, gütig lächelnden alten Mannes. Vor Jahren habe ich seine Autobiografie "der lange Weg zur Freiheit" gelesen und war zutiefst beeindruckt von seinem Lebensweg und seiner Fähigkeit, nach 27 Jahren südafrikanischer Gefängnisse den weissen Südafrikanern die Hand auszustrecken und seine schwarzen Südafrikaner zu überzeugen, dass der einzige Weg eine friedliche Übereinkunft sei. Ein einmalige Lebensgeschichte und ein einmaliger Feldzug des Friedens.

Ich kenne Südafrika aus unzähligen Geschichten eines engen Freundes, einem Weissen mit Burischen Wurzeln, im gleichen Jahre wie Nelson Mandela geboren und auch im gleichen Jahre gestorben. Er verliess Südafrika am Ende der 70er Jahre, weil er überzeugt war, dass die Tage des Apartheidregimes gezählt sind, und dass das Ganze in einem schrecklichen Blutbad enden werde. 12 Jahre später wurde Mandela freigelassen. Das Unglaubliche geschah, es kam zu einer Übereinkunft zwischen der weissen Minderheitsregierung von De Klerk und der African National Congress (ANC) Freiheitsbewegung von Nelson Mandela unter dessen Führung.

Wenn ich nach Tel Aviv fahre, 8 km südlich unseres Dorfes, fahre ich am Hadarim Gefängnis vorbei. In Zelle 28 ist seit 2002 Marwan Barghouti inhaftiert, ein prominenter plästinensischer Führer, verurteilt wegen mehrfachen Mordes an Israelis während der 2. Intifada. Barghouti galt als vielversprechender zukünftiger Führer der Palästinenser, wenn die alte Arafat-Generation, zu denen auch Mahmoud Abbas gehört, abtritt.

Stellen wir uns eine utopische Situation in Israel und Palästina vor. Der israelische Präsident erlässt eine Amnestie, und Barghouti wird in die Freiheit entlassen. In freien Wahlen wird er zum Präsidenten der Palästinensischen Authorität gewählt. Er spricht mit dem israelischen Ministerpräsidenten und hält, wie der Ägyptische Präsident Anwar Sadat im Jahre 1978, eine Rede vor der israelischen Knesset. Die Hamas lenkt ein, die israelische Öffentlichkeit wird von der israelischen Führung überzeugt, dass Israel auf den Traum des ganzen biblischen Landes verzichten muss. Es gibt Landaustausch, Siedler, die ihre Siedlungen verlassen müssen, und am Ende leben zwei Staaten mit klar gezogenen Grenzen nebeneinander: ein palästinensicher Staat, der seine Flüchtlinge zurückholt und nach zwei Generationen Flüchtlingsstatus in ein normales Leben integriert, und ein israelischer Staat mit einer arabischen Minderheit.

Für jeden Konflikt gibt es eine Lösung, irgendwann. Diese Lösung kann radikal sein, z. Bsp. ein Krieg, der die andere Seite auslöscht. Dies wird im Zeitalter von CNN und UNO jedoch zunehmend schwieriger. Eine friedliche Lösung hängt zum grossen Teil, vielleicht sogar ausschliesslich, von der politischen Führung ab, von charismatischen Pragmatikern, die ihren Mitmenschen direkt in die Augen sehen können und den Mut haben, Hass und Ängste, Vorurteile und Feindesbilder abzubauen, ihnen die Vorteile eines friedlichen Abkommens schmackhaft zu machen.

Immer gab es grosse Menschen. Einer, Martin Luther King, hat in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts eine flammende Rede gehalten: I have a dream......

Also, träumen wir von einer neuen Führung im Nahen Osten, die das Erbe von Nelson Mandela, sein Name sei gesegnet, weiterführt.



Sunday, December 1, 2013

Sind alle Juden in Israel reich?

Ich sitze in der Jerusalemer Ben Yehuda Strasse, der Einkaufsmeile der Weststadt und betrachte die vorüberziehenden Menschen. Die meisten sind billig, ja schäbig angezogen, schleppen Plastiktüten und billige Handtaschen herum. Eine Frau trägt ein schlechtsitzendes hellblaues Kleid, das bessere Zeiten gesehen hat und auch damals, als sie es gekauft hat, wahrscheinlich ein heruntergeschriebener Ladenhocker war. Ich sehe Menschen mit löchrigen Schuhen, Menschen, die stark hinken, übergewichtige Menschen, alles Anzeichen von Armut. Jerusalem ist eine arme Stadt, das Ostjerusalem der Araber und das Westjerusalem der Juden.

Wenige Wochen zuvor leitete ich eine grosse Reisegruppe. Mit einem Kreuzschiff fuhren meine Reiseteilnehmer 8 Tage durch das östliche Mittelmeer, in Israel wurde ihnen ein Tagesausflug angeboten. Unterwegs habe ich ihnen Verschiedenes erzählt, unter anderem auch die statistischen Daten von Israel erwähnt – 80% Juden, 20% Araber (Moslems und Christen). Beim nächsten Halt hat sich ein Reiseteilnehmer mit einer, wie er es ausdrückte, "privaten" Frage an mich gewandt. "Sind denn in Israel auch alle Juden so reich, wie sie es anderswo sind?"

Die Gruppe hatte als einzigen Ausflug in Israel einen Besuch ans Tote Meer gewählt. Wir besuchten keine Städte, und so konnte ich dem Reiseteilnehmer die Armut eines Teils der Bevölkerung dieses Landes nicht lebendig vor Augen führen, sondern nur allgemein darüber reden, dass Israel ein Land wie viele andere auch ist, obwohl die meisten Menschen Juden sind, und dass die soziale Schere hier sogar grösser ist als in den meisten westlichen Ländern.

So habe ich mich jetzt über die Statistiken hergemacht, um eine präzisere Antwort bereitzuhalten und, vielleicht, wieder einmal, ein hartnäckiges Vorurteil auch nur ein bisschen abzubauen, eben dasjenige, dass alle Juden reich seien.

Vor wenigen Jahren wurde Israel in die Organisation für wirtschaftliche Kooperation und Entwicklung (OECD) aufgenommen. Dieser Beitritt war und ist der Stolz von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, der mit viel Energie und Arbeit diesen Beitritt bewirkt hat. Die OECD hat 34 Mitgliedstaaten, die meisten Europäischen Staaten sind Mitglieder, die USA, Kanada, Australien, und einige aufsteigende Staaten wie Chile, die Türkei und Mexiko, kurz, die reicheren Staaten. Die OECD publiziert u.a. wirtschaftliche Statistiken über die Mitgliedstaaten.

Ein wichtiger Indikator von Reichtum und Armut ist der Gini-Koeffizient, der in der Wohlfahrtsökonomie verwendet wird, um das Mass der Gleichheit oder Ungleichheit der Verteilung von Vermögen oder Einkommen zu beschreiben. Israel steht hier an fünftletzter Stelle, ist also eines der Länder mit schlechter Verteilung, was heisst, dass es reiche, aber eben auch viel arme Menschen gibt.

Ein weiterer Indikator, von der OECD entwickelt, ist die Häufigkeit der Armut, wo Israel mit 20.6% den zweitletzten Platz belegt, gleich vor Mexiko.

Dem kann entgegengehalten werden, dass die Araber eine arme Bevölkerung sind. Das stimmt, aber nicht alle Araber in Israel sind arm, genauso, wie nicht alle Juden reich sind. Unter den orthodoxen Juden gibt es sehr viel und himmelschreiende Armut. Araber und orthodoxe Juden bilden die zwei ärmsten Bevölkerungsgruppen in Israel. Beide Bevölkerungsgruppen weisen eine hohe Kinderzahl (bei den Arabern in den letzten Jahren Tendenz sinkend) und eine unzulängliche Schulbildung auf. Wie überall gehören auch hier alleinerziehende Eltern, meistens Mütter, zu den ärmsten Bevölkerungsschichten. Zudem hat Israel in den letzten 25 Jahren mehr als 1 Million Neueinwanderer aufgenommen, hauptsächlich aus der ehemaligen Sowjetunion. Diese Menschen sind zum grossen Teil gut ausgebildet, aber besonders ältere Menschen beherrschen die Landessprache nicht und schlagen sich mit schlechtbezahlen Jobs mehr schlecht als recht durch. Es gibt in Israel auch eine breite Mittelschicht, wie überall in den industrialisierten Ländern, Menschen, die morgens früh aufstehen und hart arbeiten, um sich und ihren Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen – ein Dach über dem Kopf, ein Auto, eine gute Bildung für die Kinder, ab und zu mal eine Reise ins Ausland.  

Und hinter jeder Statistik stehen Menschen, so wie eben die Menschen in der Westjerusalemer Einkaufsmeile, mit ihren Plastiktüten und den löchrigen Schuhen. Nein, Herr Reiseteilnehmer, nicht alle Juden in Israel sind reich. Ich lade Sie ein, sich in die Ben Yehuda Strasse zu setzen und die Menschen als Menschen zu betrachten, ohne Vorurteile und ohne vorgefasste Meinungen.



Quelle: OECD, Gesellschaft auf einen Blick 2011, und Berechnungen durch die Administration von Forschung und Planung.